Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Conkunst. 
Schattierungen der Stimmung ermöglicht. Indes diese Lieder 
sind erst spät zu den Ohren eines größeren Publikums ge— 
drungen. Man muß hier bedenken, daß Liszt in Ungarn ge—⸗ 
boren und seinem Wesen nach international war; das Lied 
aber verlangt einen nationalen Lebensquell der Gefühle. Neben 
dem Liede war dann die zweite volkstümliche Form der neuen 
Musik die Oper. Auch hier fehlen Leistungen Liszts. Blieb 
als dritte Möglichkeit, rasch und weit zugleich zu wirken, die 
Klaviermusik übrig. Da hat Liszt viel geschaffen, aber seine 
Klavierstücke sind meist schwer zu spielen. 
Im Grunde war daher das Einflußgebiet Liszts begrenzt auf 
das große Orchester- und das Chorwerk: in der neuen Kunst also 
auf die symphonische Dichtung und das Oratorium. Auf diesen 
Gebieten hat nun Liszt auch Großes geschaffen. Doch im Ora— 
torium galt immer noch, ja soeben noch durch die Auffassung 
Mendelssohns doppelt fest und scheinbar für immer begründet, 
der kirchliche Charakter; und so sehr ihm Liszt in seinem 
Christus“ und der „Heiligen Elisabeth“ gerecht ward, so war 
doch das Gebiet infolge der herrschenden Ansicht ein begrenztes. 
Liszts symphonische Dichtungen aber, „Tasso“ und „Hunnen⸗ 
schlacht“, „Die Ideale“, „Orpheus“ und „Prometheus“, vor 
allem die „Faustsymphonie“ und die „Dantesymphonie“, hatten 
in Wettbewerb zu treten mit der wunderbar reichen sympho— 
aischen Erbschaft der klassischen Zeit und trafen fast überall 
auf fest eingeschworene Bewunderer dieser. 
So hat Liszt das Schicksal so vieler Großen geteilt; er wird 
erst Generationen nach seinem Tode, und auch dann vielleicht 
mehr in dem bewundernden geschichtlichen Verständnis der Zeit— 
zenossen, als in seinen Werken leben. 
Im übrigen ist es gut, sich diesen Zusammenhang zu ver—⸗ 
gegenwärtigen; erst an der Kehrseite der Erfolge Liszts bei 
Lebzeiten läßt sich ermessen, welch ungemeine agitatorische Kraft 
Wagner beseelt hat. Daß aber unter solchen Umständen stille 
Kleinere der ersten Generation der neuen Kunst während ihres 
Lebens nicht recht zu Worte gekommen sind, ist eigentlich selbst— 
berständlich. Das war im ganzen das Los von Peter Cornelius
	        
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