Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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(18242 1874). Und das war es, obwohl Cornelius, Musiker 
und Dichter zugleich, gerade auf dem populärsten Gebiete der 
neuen Kunst, im Liede, Wunderbares geschaffen hat. Jetzt 
freilich erkennt man seine große und wahre Empfindung an 
und beginnt seine Weihnachtslieder, seine Chorgesänge, seine 
Trauerchöre für Männerstimmen häufiger zu singen; und seine 
beste, beim Erscheinen auf der Bühne zuerst arg zerzauste Oper 
„Der Barbier von Bagdad“ (1859) gewinnt eben in diesen 
Tagen von Theater zu Theater an Boden. 
Da hatte es denn die zweite Generation der neuen Kunst doch 
schon um vieles besser. Hugo Wolf hat seit Ende der achtziger 
Jahre unter früher Anerkennung durch die Zeitgenossen Lieder— 
cyklus auf Liedercyklus geschaffen, bis ihn ein schweres Los 
vom Erfolge hinwegrief; Richard Strauß, seit Mitte der 
achtziger Jahre anerkannt, hat in symphonischen Dichtungen die 
Technik der neuen Musik mit außerordentlichem Scharfsinn be— 
reichert, wennschon seine von ihm besonders geliebte Oper 
Guntram“ (1894), vornehmlich auch wegen technischer Schwierig— 
keiten, bisher nicht hat Fuß fassen wollen. 
Eine gesonderte Stellung endlich unter den großen deutschen 
Meistern des 19. Jahrhunderts nimmt Brahms (1833-1897) 
ein; und schwer ist es in der That, seine geschichtliche Stellung 
schon mit dem Anspruch auf auch nur eine Spur von End— 
zültigkeit zu umschreiben. Sicherlich ist er keiner der im 
strengen Sinne modernen musikalischen Entwicklungsrichtungen 
einzuordnen. Aus geht er vor allem von Beethoven. Daneben 
finden sich in seiner Musik romantische Elemente im engeren 
Sinne des Wortes: Brahms ist von Schumann in das musi⸗ 
kalische Leben eingeführt worden um die Mitte der fünfziger 
Jahre, zu eben der Zeit, da Wagner in die zweite Periode 
seiner Kunst eintrat. Endlich enthalten seine Werke zweifelsohne 
eine Unsumme von Spuren der neuen Kunst. Aber er baut 
im allgemeinen doch noch nach der Architektonik der klassischen 
Musik; wie Schumann und Mendelssohn hat er noch alte vier— 
sätzige Symphonien geschrieben, wenn er auch schon durch Groß— 
zügigkeit und reichere Einheit des Ganzen selbst Beethoven
	        
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