Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Tonkunst. 
übertrifft. Und grundsätzlich neigt er nicht zur Weiterbildung 
der musikalischen Formen. Dennoch kann Brahms im weiteren 
Sinne den Modernen zugerechnet werden. Er hat die neuen, 
in der Ausbildung des Motivwesens höchster Einheitlichkeit 
zustrebenden Formen zwar ebensowenig angewandt, wie er sich 
der grell realistischen, nervenerschütternden instrumentalen Effekte 
bediente, — wie ihn denn überhaupt eine innere Scheu abhielt, 
sich in die Abgründe des modernen reizsamen Empfindungs— 
lebens zu stürzen. Aber er ist doch von diesem Leben nicht 
unberührt geblieben. In tausend Obertönen beben die 
Schwingungen der Seele einer reizsamen Zeit auch in seiner 
Seele und in seiner Musik mit. Dies reizsame Wesen tritt 
uns entgegen in den vielen Rhythmen, die gegen das Metrum 
gehen, in den unzähligen grüblerischen Harmonien und in ge— 
wissen klanglichen Kombinationen, so im Gegenspiel höchster 
Diskante mit tiefsten Bässen. Und wo Brahms in der alten 
Diatonik schreibt, da klingt auch sie herb, wie bei den Modernsten, 
und nicht mit der ihr in früheren Zeiten eigenen psychischen 
Wirkung. So hat Brahms in heißem Erleben den alten 
Stimmungsgehalt mit vielfach schon modernen Mitteln noch 
einmal in außerordentlicher Weise vertieft. Es ist eine ganz 
persönliche Art, eine in ihrer Weise einzige Vereinigung über— 
lieferter und werdender Momente. Es ist eine Stellung, die 
sich entwicklungsgeschichtlich mit der Bachs in einem anderen 
UÜbergang von Zeitalter zu Zeitalter vergleichen ließe. Wie 
es über Bach hinaus einen Fortschritt in seinem Stile nicht 
gab, so wird ein Gleiches von Brahms gellen dürfen: als ein 
nomo sui genoris wird er fortleben im Gedächtnis der Geschichte. 
Oder sollte er sich den Übergangsidealisten vergleichen 
lassen, die wir auf dem Gebiete der Malerei finden werden, 
einem Böcklin, Thoma, Klinger? wäre Klinger nicht bloß zu— 
fällig einer der feurigsten Verehrer des Meisters? Was dem 
Musiker und den Malern gemeinsam erscheint, ist die Ver— 
schmelzung von alt und neu im Feuer einer höchst persönlichen 
Einbildungskraft. 
Indes — uns interessiert hier nicht eigentlich der weitere Ver—
	        
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