Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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findungen neuer Klangwirkung bedurften neuer Instrumente und 
zahlreicherer Instrumente schon bekannter Gattung: so wurden 
neben den Streichinstrumenten namentlich die Blasinstrumente 
verstärkt; schon im „Lohengrin“ tritt Elsa fast ausschließlich 
von Blasinstrumenten gefolgt auf, und König Heinrich wird 
von Posaunen und Trompeten begleitet. Wer aber wüßte 
nicht von den Änderungen, welche die Kunst Wagners im Ge— 
sang hervorgerufen hat: der bel canto verschwand, die musi— 
kalische Deklamation gewann das Feld, der spezifisch „deutsche 
Stil“ des Gesanges, wie die Wagnerianer wohl sagen, kam 
zur Entwicklung. 
Wie sehr das alles in das praktische Dasein der Musik ein— 
griff, zeigt die Thatsache, daß Wagner seit den sechziger Jahren 
immer und immer wieder bestrebt war, eine eigene Schule der 
ausführenden Musik zu begründen. 
Und doch, wir werden es nicht verkennen, spiegelten sich 
in den Veränderungen des Orchesters und des Gesangs nur 
ungleich einschneidendere und tiefere Veränderungen des inneren 
Wesens der Musik wieder, — trat hier nur besonders deutlich 
das Werden einer neuen musischen Kunst zu Tage. Und diese 
musische Kunst war nicht auf stille Wirkungen beschränkt; sie 
suchte nicht bloß die Heimlichkeit der Kammermusik auf, und 
auch die Hallen der Orchesteraufführungen genügten ihr nicht. 
Sie war verschwistert mit der Dichtung und innig verschmolzen 
mit der volkstümlichsten und füx das Zeitalter charakteristischsten 
aller poetischen Gattungen, mit dem Drama: das Theater 
suchte sie auf, ja schuf es um und sprach von der Bühne her 
laut zu den lauschenden Massen. Und indem sie so zu einer 
Macht der Zeit ward, förderte sie den neuen Geist der musischen 
Bewegung gerade an der Stelle, an der er am ehesten durch— 
zudringen vermochte: in der Wiedergabe der durch Worte be— 
stimmt gekennzeichneten und doch auch orchestraler Wirkung 
zustrebenden musischen Begeisterung, in der vokalen und zu— 
gleich instrumentalen Kunst der Oper. 
So ist denn das vor allem für Wagner das Charak— 
teristische, daß er, mag er auch den Ruhm des Begründers der
	        
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