Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

F. 
Noch heute gilt Wagner im Gespräche der Gebildeten ge— 
legentlich als unselbständiger Anhänger, ja bloßer Schüler 
Schopenhauers. Kein größerer Irrtum ist denkbar; Wagner 
hatte die Grundfesten einer ganz anders gearteten Welt— 
anschauung schon gewonnen, ehe er Schopenhauers Schriften 
kennen lernte; und längst bereits ist das von den Wagnergelehrten, 
unter den Biographen vor allem von Chamberlain, überzeugend 
nachgewiesen worden. 
Um 1850 war Wagner in den Fundamenten seines all⸗ 
gemeinen Denkens fertig. Gelegt hat er diese Fundamente in 
der für ihn überwiegend traurigen Zeit zwischen etwa 1840 
und 1850, in den dreißiger Jahren also seines Lebens. 
Damals, als er von Riga hoffnungsfreudig nach jenem 
Paris gekommen war, in dem er aus der Entfernung der 
baltischen Provinzen her den Mittelpunkt und die Fleisch— 
werdung aller Kunst zu verehren gelernt hatte, wurden, seit 
1839, die eigentlichen Grundzüge seiner Weltanschauung ent 
wickelt. Wie anders war doch dies Paris, als er es sich vor— 
gestellt hatte! Käuflichkeit, unlauterer Sinn, Wettbewerb mit 
allen Mitteln des Kapitalismus auf den idealen Gebieten der 
Kunst überall, so schien es, wohin er sah, — und er selbst ge— 
legentlich halb verhungert, auf Lohnarbeiten angewiesen, ver— 
dammt zur Herstellung von Melodienarrangements nach Opern 
von Halévy und Donizetti! Das sollte der Welten beste 
sein? Nimmermehr. Die Kultur, wie sie bestand, war das 
Verderbnis der Welt. Ein tiefer Pessimismus erfüllte den
	        
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