Tonkunst.
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güter: denn ihr Besitz schien ihm durch die Verwirklichung des
Ideals einer neuen Religion gewährleistet. Fand er doch, daß
der religiöse Zug des Lebens der weltbeherrschende sei, und hat er
doch als tiefstes Erlebnis seines „persönlichen Bedürfnisses“ aus—
gesprochen, daß „die Anerkennung einer moralischen Bedeutung
der Welt die Krone aller Erkenntnis“ sei.
Wie aber diese neue Zeit heraufführen? Da es sich um
die Wandlung und Erhöhung der Menschenseele handelte, so
schienen alle äußeren Machtmittel, etwa gar politische, zu ver—
sagen. Nur die Religion vermag nach Wagner das Wunder zu
wirken, — aber nicht die verdorbene Religion der bestehenden
Kirchen, sondern eine neue, höhere Form, die da werden soll. Das
Werden aber, die Geburt dieser neuen Religion kann sich nur
auf einem Wege vollziehen: dem der Kunst, denn diese allein
reicht an das Göttliche, und „das Kunstwerk ist die lebendig
dargestellte Religion“.
Die Form dieser Kunst muß dabei die denkbar höchste
——
Drama, sondern das Drama in seiner Vereinigung von
Wirkungen der bildenden, der redenden und der musischen
Kunst, das vollendete Drama, das Kunstwerk der Zukunft.
Genügt aber allein die Form? Nein, — auch der Gehalt muß
gesteigert werden: diese Form muß geeignet sein, das Höchste
und Tiefste, was der Menschengeist zu fassen imstande ist, in
sich zu bergen und auf die verständlichste Weise mitzuteilen.
Hier tritt die Forderung eines Inhaltes auf, der, rein mensch—
lich und eben dadurch göttlich zugleich, allem Zufälligen, allem
spezifisch Zeitlichen und Räumlichen entzogen ist und darum
dauernd wirkt und alle Herzen rührt, — jener Inhalt, der im
Drama zugleich als einzig möglicher erscheint, sobald die
Musik zu dem gesprochenen Worte hinzutritt und von ihm
abstreift, was aus dieser Zeitlichkeit gleichsam an ihm haftet
und es verunziert.
Erinnert man sich an dieser Stelle früherer Ausführungen
über Charakter und Entstehung der modernen Musik, so zeigt
sich, wie sich hier bei Wagner Weltanschauung und Kunst be—
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