Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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güter: denn ihr Besitz schien ihm durch die Verwirklichung des 
Ideals einer neuen Religion gewährleistet. Fand er doch, daß 
der religiöse Zug des Lebens der weltbeherrschende sei, und hat er 
doch als tiefstes Erlebnis seines „persönlichen Bedürfnisses“ aus— 
gesprochen, daß „die Anerkennung einer moralischen Bedeutung 
der Welt die Krone aller Erkenntnis“ sei. 
Wie aber diese neue Zeit heraufführen? Da es sich um 
die Wandlung und Erhöhung der Menschenseele handelte, so 
schienen alle äußeren Machtmittel, etwa gar politische, zu ver— 
sagen. Nur die Religion vermag nach Wagner das Wunder zu 
wirken, — aber nicht die verdorbene Religion der bestehenden 
Kirchen, sondern eine neue, höhere Form, die da werden soll. Das 
Werden aber, die Geburt dieser neuen Religion kann sich nur 
auf einem Wege vollziehen: dem der Kunst, denn diese allein 
reicht an das Göttliche, und „das Kunstwerk ist die lebendig 
dargestellte Religion“. 
Die Form dieser Kunst muß dabei die denkbar höchste 
—— 
Drama, sondern das Drama in seiner Vereinigung von 
Wirkungen der bildenden, der redenden und der musischen 
Kunst, das vollendete Drama, das Kunstwerk der Zukunft. 
Genügt aber allein die Form? Nein, — auch der Gehalt muß 
gesteigert werden: diese Form muß geeignet sein, das Höchste 
und Tiefste, was der Menschengeist zu fassen imstande ist, in 
sich zu bergen und auf die verständlichste Weise mitzuteilen. 
Hier tritt die Forderung eines Inhaltes auf, der, rein mensch— 
lich und eben dadurch göttlich zugleich, allem Zufälligen, allem 
spezifisch Zeitlichen und Räumlichen entzogen ist und darum 
dauernd wirkt und alle Herzen rührt, — jener Inhalt, der im 
Drama zugleich als einzig möglicher erscheint, sobald die 
Musik zu dem gesprochenen Worte hinzutritt und von ihm 
abstreift, was aus dieser Zeitlichkeit gleichsam an ihm haftet 
und es verunziert. 
Erinnert man sich an dieser Stelle früherer Ausführungen 
über Charakter und Entstehung der modernen Musik, so zeigt 
sich, wie sich hier bei Wagner Weltanschauung und Kunst be— 
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