Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
gefunden: die Dinge sind noch nicht auf Lichteindrücke reduziert. 
Dementsprechend ist der Umriß als Linie, den der Lichteindruck 
nicht mehr kennt, noch nicht verschwunden, wenn auch schon 
bedroht, und die Bilder behalten noch etwas vom Charakter 
der Zeichnung. 
Die neueste Zeit beginnt in deutschen Landen ganz leise 
frühestens mit der Mitte des 18. Jahrhunderts, ausgesprochener, 
aber zunächst noch keineswegs in ungestörter Entwicklung mit 
dem Ende dieses Jahrhunderts, im völligen Siege erst mit 
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie kennt im ent— 
wickelten Stadium nur noch Lichteindrücke, die natürlich in 
Farben wiederzugeben sind, und löst den Umriß völlig in 
belichtete Grenzen von Farbeneindrücken auf. Dabei wird 
der sinnlich-ästhetische Eindruck nach der Gegenwart zu 
immer mehr auf seine momentanste Form zurückgeführt, auf 
jene Form, die gleichsam erst aus den Nerven frisch hervor— 
geht; und immer weniger werden Eindrucksarten zugelassen, 
die aus mehreren Gesichtsreizen gedächtnismäßig zusammen— 
gezogen sind. Der Eindruck wird also sozusagen immer 
reiner, immer mehr — unter Ausschaltung der gedächtnis— 
mäßigen Summierung — ein Eindruck im strengsten Sinne, 
eine „Impression“. Daher kann man die letzte Entwicklungs— 
stufe dieses Zeitalters am besten mit dem Worte „Impressionis— 
mus“ bezeichnen; in Deutschland hat sie als allgemeine Er— 
scheinung erst etwa seit den fünfziger Jahren in geringeren 
Spuren, seit den siebziger Jahren stärker eingesetzt, bis sie um 
1890 etwa gesiegt hat. Die impressionistische Malerei bildet 
die Parallelerscheinung der bildenden Künste zur neuen Musik; 
ein weiteres volles Gegenstück, das etwa zur gleichen Zeit 
spurenhaft, voll aber erst in den achtziger Jahren einsetzt, 
werden wir auf dem Boden der Phantasiethätigkeit in der 
Geschichte der Dichtung finden. 
Wie aber sollen die letzten beiden Zeitalter, vom 16. zum 
18. Jahrhundert, und von 1750 ab als Ganzes bezeichnet 
werden? Die Frage ist nicht gleichgültig, sondern zwingt 
dazu, soll sie nicht einseitig gelöst werden, diese Zeitalter nicht
	        
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