Neuntes Kapitel
MORGAN ALS BANK- UND EISENBAHNKÖNIG
Ar 2. Januar 1889 wurde von den drei Bankhäusern
Drexel, Morgan & Co., Brown Brothers & Co. und
Kidder, Peabody & Co. ein als „Privat und vertraulich“ be-
zeichnetes Zirkular versandt. Die äußerste Sorgfalt war
darauf verwendet worden, daß dieses Dokument nicht seinen
Weg in die Presse fände oder auf andere Weise bekannt
würde. Man hatte in der Tat außergewöhnliche Vorkehrun-
gen getroffen, um seinen Inhalt mit allen Vorsichtsmaß-
regeln der Geheimhaltung zu umgeben.
Woher diese Furcht? Weil dieses Zirkular eine — un-
ausgesprochen als Befehl aufgefaßte — Einladung an die
großen Eisenbahnmagnaten enthielt, sich in Morgans Haus
in der Madison-Avenue Nr. 219 zu versammeln und dort,
nach der Ausdrucksweise des Tages, eine „eisengepanzerte““
Verbindung einzugehen. Der Plan war, einen festen Pakt zu
schließen, der die Konkurrenz zwischen gewissen Eisen-
bahnen vernichten und die Bahninteressen einheitlich
zusammenfassen sollte, so daß man das Volk der Vereinig-
ten Staaten noch wirkungsvoller bluten lassen könnte als
vorher. Um für den Fall, daß etwas über die Natur des
Unternehmens in die öffentliche Presse durchsickern sollte,
den Schein zu wahren, garnierten die Gründer ihre wirk-
lichen Pläne mit einer Kette ablenkender Phrasen. Ihr
einziges Ziel bestehe, so drückten sie sich liebenswürdig
aus, in der Gründung einer Vereinigung, „um volkstümliche,
vernünftige, gleichmäßige und feste Preise aufrechtzuer-
halten‘, und — so fügten sie hinzu — ein weiteres Ziel
würde in dem Sammeln statistischen Materials über die
Eisenbahnen bestehen.
Durch solche Vorwände wurde niemand außer den
Leichtgläubigen und Unwissenden getäuscht.