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verbände auch Truste seien, und erließen Vorladungen
gegen sie mit der Begründung, daß sie Verschwörungen dar-
stellten, jenem Gesetze zum Trotz! Man erhob bittere An-
klagen gegen Roosevelt!); das Vorgehen gegen ihn hatte je-
doch, soweit die Verschmelzung der beiden Korporationen
in Betracht kam, wenig zu bedeuten; hätte der Stahltrust
nicht zu jener Zeit die Herrschaft erlangt, so würde er sie
unvermeidlich zu einer andern Zeit und durch ein anderes
Vorgehen erlangt haben?). Nach Enthüllungen vor der
Justizkommission des Senats hatte der Stahltrust dadurch,
daß er die Trust Company of America zwang, die Kontrolle
über die enorm wertvollen Fabrikanlagen und Gruben der
Tennessee Kohlen- und Eisengesellschaft zu einem ganz
unnatürlich niedrigen Preise zu verkaufen, einen Gewinn
von 670 Millionen Dollar.
Woher erlangten Morgan und seine Gefährten das Geld,
1) Sieben Senatoren der Vereinigten Staaten unterzeichneten ein Dokument,
in dem er wegen der Verletzung des Antitrust-Gesetzes und wegen des tatsächlichen
Befehls an das Justizdepartement der Vereinigten Staaten, keine Schritte zur Durch-
führung des Gesetzes zu unternehmen, heftig angeklagt wurde. Unter der Über-
schrift „Morgan, Diktator“ brachte das Berliner Tageblatt am 3. Dezember 1907
in seinem finanziellen Teil einen Leitartikel, der auf die Strafverfolgung Morgans
wegen Erpressung drang, da er mit einer verhängnisvolleren Kalamität gedroht
hätte, falls Roosevelt ihm nicht nachgeben würde, Nach deutschen Gesetzen,
sagte das Tageblatt, würde Morgan sofort wegen Erpressung verhaftet worden
sein. Eine amüsante Bemerkung, wenn man in Erwägung zieht, daß Morgan und
zeinesgleichen in den Vereinigten Staaten die Regierung sind.
2) Die Nutzlosigkeit des Antitrust-Gesetzes, soweit seine Anwendung auf kapi-
talistische Korporationen in Betracht kommt, wurde von dem Kongreßmann Little-
Held, einem der republikanischen Diktatoren des Kongresses und einem Trust-
Advokaten von großer Geschicklichkeit, höhnisch dargetan. In einer Rede an die
„Illinois Bar Association‘ führte er am 27. Juni 1908 folgendes aus: „Im Jahre 1907
hatte die Regierung einhundertundeinundsiebzig Distrikt- und Hilfsdistrikt-
anwälte in ihrem Dienst. Diese kleine Armee von Juristen kostete die Regierung
außer den 270 965,58 Dollar betragenden Gehältern des Justiz-Departements noch
735 612,06 Dollar an Gehältern und Auslagen. Durch Ausübung schuldigen
Fleißes erlangten sie 9741 Schuldigerklärungen wegen Übertretung des Gesetzes.
Die Durchschnittszahl der Überführungen wegen Verletzung des Sherman-Anti-
trust-Gesetzes während der letzten sechseinhalb Jahre beträgt etwas mehr als eine
jährlich, nur sieben seit dem 14. September 1904.“ Um die volle Bedeutung dieses
Berichtes zu verstehen, muß man bedenken, daß während dieser Periode die Regie-
rung zur Durchführung dieses besonderen Statuts im Jahre 1904 500 000 Dollar
und im Jahre 1908 250 000 Dollar zur Verfügung hatte. Seit dem 14. September 1901
ind bei acht gerichtlichen Vorladungen und sieben Schuldigerklärungen 386 242,88
Dollar für diesen besonderen Zweck ausgegeben, aber an Geldstrafen nur 96 000 Dollar
pezahlt worden,