II. Das Jch in staatlicher Erziehung
an Hand des verläßlichen Verkehrsmittels der Muttersprache. Denn
unzulänglich, wie Worte nun einmal sind, um das flüchtige Gedankengut
zu fassen – in den Worten der Muttersprache ist es
immer noch am besten geborgen. Wenn ich sage „ich denke‘’, so sind
die Zweifel, worum es sich handeln könnte, zwischen zwei deutschen
Ichs auf ein Mindestmaß herabgedrückt. Wenn ich dagegen vom
„denkenden Subjekt“ irgend etwas aussage, so ist dem Irrlichtelieren
schon ein Hinterpförtchen geöffnet. Woher es auch kommt, daß die
Philosophie „letter Fragen‘“ so ungern auf den Gebrauch zunftmäßiger
Fremdwörter verzichtet.
r
Brauchbare, das heißt in sich gefestigte Staatsbürger wird die
Schule nur erziehen können, wenn sie die Einheit des Ichs als gegeben
hinnimmt und durch ihre Erziehung zu erhalten trachtet. Dann
aber wird sie die körperliche Ausbildung des Ichs ebensowenig eindeutig
betonen dürfen, wie frühere Zeitalter die geistige Ausbildung
einseitig betonten.
Jede Einseitigkeit wird am ehesten vermieden werden, wenn die
Schule alles, was sie für die körperliche Ausbildung des ihr anvertrauten
Ichs zu tun geneigt ist, unter den Gesichtspunkt der Körperpflege
bringt. Achte deinen Körper, denn er gehört nicht dir,
sondern der Gemeinschaft, in der du lebst, und für die du
lebst; das ist der oberste Grundsatz, der sich aus diesem Gesichtspunkt
ergibt. Es war der Grundsatz des klassischen Altertums, dessen
Ideal das harmonisch durchgebildete Ich gewesen ist. Es war der
Grundsatz, den das aufsteigende Christentum am schärfsten verneinte,
indem es das ganze irdische Dasein für wertlos erklärte und nur als
Vorbereitung für ein zeitloses Leben nach dem Tode wollte gelten
lassen. Denn das Christentum war Abkehr vom Staate der Gegenwart
und seiner Herrenmoral, es baute seinen Zukunftsstaat, mit
ewiger Qual und ewiger Seligkeit, jenseits der Schranken dieser
Zeitlichkeit auf.
Damit griff das Urchristentum dem Staate der Gegenwart an die
Wurzeln seines Daseins, und es ist kein Wunder, daß der Staat
jener Gegenwart, das Römerreich, sich das nicht gutwillig wollte
gefallen lassen. Aber das Christentum eroberte sich die rechtlosen
Massen, und über die Massen von unten her den Staat.
1 ß