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weniger Aktionäre vereinigt, während im Westen Tausende
von Meilen neuer Strecken vor kurzem gebaut waren. Nach-
dem die Eisenbahnkönige die kleinen Eigentümer größten-
teils verdrängt hatten, fingen sie jetzt an, sich gegenseitig
Schwierigkeiten zu machen und zu bekämpfen. Es war eine
charakteristische Periode, als die Eisenbahnmagnaten be-
ständig in die erbittertsten Feindseligkeiten verwickelt
waren, nur um einander zu ruinieren, zum Bankrott zu
treiben und, wenn möglich, des anderen Besitz an sich
zu reißen.
Die Gründung des ersten Trusts
Diese Konflikte boten die Gelegenheit zu einem Um-
schwung von universeller Bedeutung, dessen ganze Trag-
weite damals noch nicht erkannt wurde. Die Kriege zwi-
schen den Eisenbahnmagnaten nahmen mancherlei Formen
an, eine der beliebtesten war die Herabdrückung des Fracht-
tarifs. Jede Eisenbahn bemühte sich verzweifelt, der ande-
ren den Verkehr durch günstigere Angebote abzuschneiden.
In dieser Art der Konkurrenz sah eine Gruppe junger Leute
aus der Ölbranche, deren Führer John D. Rockefeller war,
eine günstige Chance.
Das Bohren und Raffinieren des Petroleums hatte, ob-
wohl es verhältnismäßig noch in den ersten Stadien stand,
bereits einen großen Umfang angenommen. Jede Eisenbahn
bemühte sich eifrig, den größten Anteil am Transport des
Petroleums zu bekommen. Rockefeller, der in seiner klei-
nen Raffinerie in Cleveland (Ohio) Zeit zum Nachdenken
hatte, war auf den revolutionären Gedanken gekommen,
sich ein Monopol für die Produktion und den Verkauf von
Petroleum zu verschaffen, das den Zwischenhändler aus-
schaltete und das ganze Geschäft organisierte und zentra-
lisierte.
In dieser Stunde wurde der moderne Trust geboren; und
von den ersten Anfängen der Standard Oil Company an
verfolgten Rockefeller und seine Genossen hartnäckig ihre
Absichten mit einer Geschicklichkeit und Rücksichtslosig-
keit, wie sie seit dem Entstehen des Kapitalismus nicht da-