332 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Menschenalter hindurch unglaublich fruchtbaren und musikalisch
begabten thüringischen Organisten- und Kantorenfamilie, deren
Stammoater einst gleich dem Vater Dürers aus Ungarn zu—
gewandert war, ist er im Jahre 1685 27 Tage nach Händel
zu Eisenach geboren und hat dann, nach einigen Organisten—
und Kapellmeisterstellungen im Thüringischen und Anhaltischen,
die wichtigsten siebenundzwanzig Jahre seines Lebens, bis zu
seinem im Jahre 1750 erfolgten Tode, als Kantor an der
Leipziger Thomasschule zugebracht.
Ein Dasein, das vor allem auf sich gewiesen war, auf
klare Betätigung im Kreise einer zahlreichen Familie (Bach
hat zwanzig Kinder gehabt), der Schule und des kleinen,
aus den vier Stadtpfeifern, drei Kunstgeigern, einem Gesellen
und etwa zwanzig brauchbaren Sängern bestehenden Kirchen⸗
musikchors von St. Thomas . Ein Dasein aber, das, in diesem
Rahmen völlig aufgehend, aus sich heraus die höchsten Ideale
ernster Musik, vor allem im Sinne gesunder Regungen des
protestantischen Pietismus, zu erreichen gesucht hat.
Bach ist schöpferisch aufs Fruchtbarfte tätig gewesen, noch
fruchtbarer wohl als Händel. Nur einen Teil der reichen Er⸗
zeugnisse seiner Phantasie besitzen wir noch, unter fünf angeblich
von ihm herrührenden Passionen zum Beispiel nur zwei. Aber
was sich erhalten hat, gestattet doch noch, seine ganze Tätigkeit
zu überblicken.
Sie gehört vor allem der Kirche oder richtiger gesagt dem
objektiv und dogmatisch gefaßten protestantischen Glauben an, und
sie bevorzugt demgemäß die Vokalmusik, obgleich die Instru—
mentalmusik nicht vernachlässigt ist, ja ihre Gesetze bisweilen
schon dem Gesange aufgedrungen erscheinen. Dabei ist kein Ge—
biet protestantischer Kirchenmusif vernachlässigt; jedwede Weise der
vokalen und instrumentalen Behandlung des Chorals findet sich,
wie denn der Choral für Bach etwa die Bedeutung gewann, die für
Palestrina der gregorianische Kirchengesang gehabt hatte; und
neben den Choral treten Messen und Motetten; auch die große
S. dazu oben S. 306.