Object: Die deutsche Wirtschaft

Wirtschaft‘ und Steuerpolitik, 267 
Augen halten. Bis zum Januar 1924 waren wir schon durch den 
Versailler Vertrag handelspolitisch absolut eingeengt, und in der Zeit, 
bis der Abschluß von Handelsverträgen mit den Hauptländern, mit 
denen wir in wirtschaftlichen Beziehungen stehen, vorliegt, muß die 
Unsicherheit und Unklarheit auf handelspolitischem Gebiet, verbunden 
mit starken Beschränkungen, denen unser Export noch in vielen Län- 
dern begegnet, die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft ganz außer- 
ordentlich beengen, 
Deutschland ging bekanntlich vor dem Kriege mit seiner sozialen 
Gesetzgebung und der Fürsorge für die schwächeren Kreise der Bevöl- 
kerung allen anderen Ländern der Welt voran. Der Krieg und die Nach- 
kriegszeit hat uns eine ganz außerordentliche Fülle von neuen sozialen 
Gesetzen gebracht, von denen ein großer Teil theoretisch und ideal 
wünschenswert und berechtigt sein mag. Man muß sich aber darüber 
klar sein, daß auch die Mittel hierfür letzten Endes von der Wirtschaft 
und der Produktion aufgebracht werden müssen und daß die sozialen 
Leistungen, die die Wirtschaft direkt zu erfüllen hat oder mit Hilfe von 
besonderen aus der Wirtschaft entnommenen Abgaben durch staatliche 
Organe erledigt werden, nur in dem Ausmaße zu verantworten sind, als 
sie aus Überschüssen der Produktion finanziert werden können. Eine 
Überspannung, die der Produktion zu starke Lasten auferlegt, ihre Lei- 
stungsfähigkeit und ihren Wettbewerb auf dem Auslandsmarkt hemmt, 
muß naturnotwendig über kurz oder lang die soziale Fürsorge selbst 
untergraben, insofern entweder die Lasten eines Tages nicht mehr auf- 
gebracht werden können, oder eine übermäßige Belastung durch solche 
Aufwendungen mit dazu beiträgt, die Arbeitsmöglichkeiten zu ver- 
ringern, Die soziale Belastung für das Jahr 1924 betrug ohne 
öffentliche Mittel 1692 Millionen Mark, mit Einschluß der Staats- 
zuschüsse 1923 Millionen Mark. Durch die neue Gesetzgebung und 
die Änderung verschiedener Versorgungsgesetze beträgt die soziale 
Belastung für die Zukunft rund 2,7 Milliarden Mark. Wenn man die 
Zahl der Versicherten jetzt und in der Vorkriegszeit mit 18 Millionen 
einsetzt, so bedeutet das eine jährliche Belastung auf den Kopf des 
Versicherten von 155 M., während 1913 rund 68 M. auf den Kopf des 
Versicherten entfielen, Die gesamte soziale Belastung einschließlich 
der staatlichen Mittel — denn diese müssen ja auch in Form von 
Steuern von der Wirtschaft aufgebracht werden — ist also gegenüber 
1913 um rund 100 % gestiegen. Man hat berechnet, daß die Durch- 
schnittsbelastung des Arbeitslohnes des gewerblichen Arbeiters heute 
10,9 % beträgt, in manchen Berufsgruppen ist diese Belastung noch 
wesentlich höher und erreicht sogar den Betrag von 32 % der Lohn- 
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