Das ist kein Mangel in Lists Denken: es ist seine Ehrlichkeit und
sein Reichtum; er ist der vollständige Spiegel der Zeit. Die eine Hälfte
seiner Lehren konsequent durchzuführen, wäre ja einfach gewesen;
John Prince Smith, der von List oft verhöhnte, und auf der anderen
Seite Carey, dem viele nationale Historiker zur Seite zu stellen wären,
haben diese logische Konsequenz mühelos erreicht. Ist damit das tiefe
Problem der internationalen Gemeinschaft und des Widerstreites der
nationalen Interessen gelöst worden? Man lese Fichte, aber die ganze
Reihe seiner praktischen Schriften: bald Nation, bald Menschheit wird
wechselnd betont; oder Kants Gedanke eines Völkerbundes: welche
Macht soll ihn garantieren?” Herz und Vernunft sprechen noch heute
in den meisten von uns die gleiche doppelte Sprache. Das Problem
bleibt, denn es gehört zur geistigen Struktur der protestantischen Neu-
zeit103,
Faktisch hat das spätere 19. Jahrhundert einen Entscheid ge-
troffen, und die Wirtschaftspolitik ist ihm nach einer zeitweiligen
Annäherung an einen freieren Austausch gefolgt. List hat auch diese
Zukunft gesehen, und ihre Wirtschafislehre in radikaler Form aus-
gebaut. Damit berühren wir die dritte Periode seines Schaffens, die
nach dem Nationalen System liegt.
Man wird gegenüber Kant und Fichte auf Hegels philosophische
Lösung hinweisen — Hegels Schriften wie überhaupt alle philosophi-
schen Systeme waren List unbekannt — vielleicht kann man die Be-
hauptung wagen, wofür ich einen näheren Beweis zur Zeit nicht er-
bringen kann, daß der spätere List eine Wirtschaftslehre gegeben
hat, welche der philosophischen Richtung Hegels vergleichbar ist.
Wir kehren zu unserem Thema zurück.
Es gibt also noch einen weiteren Schritt der Lösung oder wenigstens
der faktischen Entwicklung der oben dargelegten Problematik der
vierten Wirtschaftsstufe in Lists Werken selbst, der von der For-
schung radikal übersehen worden ist!°4t, Wir verbinden aber die Er-
örterung dieses vergessenen Teils der Lehre!® aus sachlichen Grün-
den mit der Analyse des vierfachen Begriffes der Nation, welcher in
seiner Entfaltung nie klar beschrieben worden ist.
Damit erhalten wir zugleich, wenn auch nur kurz an einer einzigen
zentralen Idee, einen Überblick über den unterschiedlichen
Charakter der größeren Schriften Lists106,
VII. Der vierfache Begriff der Nation in
Lists Werken.
Ob zu allen Zeiten die nationalen Gewerbe in ihrer Totalıtät, wie
sie die angenommene lange Kriegszeit hervorgebracht hat, ohne Aus-
lese durch fremde Konkurrenz zu erhalten sei, hängt ersichtlich mit
der Frage zusammen, ob List die Nation als einen historischen Zwi-
schenzustand — „terme intermediaire‘“ der Preisschrift — auffaßt,
oder als eine ursprüngliche und dauernde Gegebenheit,
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