Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes Buch. Die Abtrünnigen. 
Buskin hat dagegen ein ganzes Programm sozialer Erneuerung 
aufgestellt, das wie folgt zusammengefaßt werden kann 1 ): 
1. Obligatorische Handarbeit für Alle. — Buskin verfehlt nicht 
auf die Worte Pauli hinzuweisen: qui non laborat non manducet. 
Weshalb das? Weil es widersinnig und unmoralisch ist, daß ein Mensch 
im Müßiggang leben kann, indem er die Dienste Seinesgleichen mit er 
erbtem Gelde bezahlt: „mit seinem Leben muß man zahlen“, oder mit 
anderen Worten: ein jeder muß die heutige Arbeit mit heutiger Arbeit 
bezahlen, denn es ist widersinnig, daß man leben könne auf Grund toter 
Arbeit, — doch muß diese Arbeit eine wirklich menschliche Arbeit sein, 
die durch den Verzicht auf den Gebrauch von Maschinen geadelt ist. 
Ausgenommen jedoch sind die Maschinen, die der Wind oder das Wasser 
oder die elementaren Kräfte in Bewegung setzen, da sie im Gegensatz 
zu der Kohle nicht beschmutzen sondern reinigen. 
Buskin will, daß jede Arbeit künstlerisch werde, und daß der Nah® 
Handwerker wieder gleichbedeutend mit Künstler werde wie im Mittel- 
alter (so sagt man, aber vielleicht verallgemeinert man ein wenig). 1® 
der Praxis ist das nicht sehr leicht durchzuführen. Einige Schüler Buskin s 
haben sich der Herstellung künstlerischer Einbände von Luxusbüchern 
gewidmet; der Absatz ist aber ziemlich beschränkt. 
Tolstoi dagegen erstrebt nicht die künstlerische Arbeit, sonder® 
die ländliche Arbeit, die er majestätisch „Brotarbeit“ nennt, und die ih® 
auch ohne jede Verschönerung als edel genug erscheint. 
2. Gesicherte Arbeit für Alle, worin die Ergänzung und die V er ' 
besserung der vorhergehenden Kegel liegt, — nämlich, wenn es keil® 
Müßiggänger geben soll, so soll es auch keine Arbeitslosen gebe® 
In der heutigen Gesellschaft ist die Arbeit nicht obligatorisch: 
eine große Anzahl von Menschen ist es aber die Arbeitslosigkeit! “) 
Diese unnatürliche Ordnung muß in ihr Gegenteil verkehrt werden 
ist aber nicht zu befürchten, daß an dem Tage, an dem jedermann arbeitet, 
es nicht mehr für alle genügend Arbeit geben würde? Nein, denn d aS 
Ergebnis wird nicht eine Vermehrung der Arbeitslosigkeit, sondern ein e 
Vermehrung der Mußezeit sein: welcher Unterschied! 
3. Arbeit, die nicht mehr nach dem Gesetz des Angebotes und d® 
Nachfrage, auf Grund der Gleichstellung der menschlichen Arbeit i® 
einer Ware, entlohnt wird — sondern nach der Gerechtigkeit, die übrig 6 ® * 2 3 * * 
kein geschriebenes Gesetz zu sein braucht: die Gewohnheit würde g e ' 
nügen, gerade wie sie heute genügt, um die Honorare des Arztes, 11(33 
*) Siehe besonders Fors Clavigera. ^ 
2 ) „Es gibt auf dieser Welt nicht einen Arbeiter auf vier Füßen, der nicht Arb 
fände, und mehr als ihm lieb ist! Wenn es sich aber um den Arbeiter auf zwei Fu 
ahndelt, wird ihm gesagt: das ist unmöglich“ (Carlyle, ebenda, Kap. III und aU 
Chartism, Kap. IV).
	        
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