fullscreen: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
399 
variierte Grundthema in Schillers Empfinden und Denken. 
Es tönt wieder aus dem noch in Stuttgart entstandenen Auf— 
satze „Über das gegenwärtige deutsche Theater in der Form 
cheosophischer Ahnungen einer Harmonie der sittlichen und 
natürlichen Welt, von denen aus schon eine idealistische Ver— 
mittlung zwischen Natur und Kunst gesucht wird: der Dichter 
dürfe die Erscheinungswelt nicht platthin nachahmen, sondern 
müsse fie verdichten. Es findet einen erften systematischen Aus— 
druck in den Philosophischen Briefen des Jahres 1786, einem 
„Glaubensbekenntnis der Vernunft“, das man wohl am besten 
als eine Art ästhetischer Theosophie auf vager pantheistischer 
Grundlage bezeichnen kann. Gott erscheint hier dem Dichter 
als Künstler und die Welt als Kunstwerk, zugleich aber ist 
das Universum der unendlich geteilte Gott. Und so besteht 
es in einer inneren Harmonie, die sich uns als Schönheit 
offenbart: und die Anschauung dieser Schönheit ist unser 
eigentlicher Beruf: der Beruf, der uns glückselig und daher, 
nach alter Glückseligkeitslehre, auch vollkommen und tugend⸗ 
haft machen wird. Darum bleibt dieser Beruf auch nicht 
passiv; er wirkt sich aus in der Begierde, auch andere glück— 
selig zu sehen und wird auf diese Weise zur schaffenden Liebe. 
In diesem Zusammenhange scheint es dann so, als ob Schiller, 
wie er für die Ästhetik insbesondere der Dichtkunst schon das 
Denken des individualistischen Zeitalters überschritten hatte, 
nun auch für die Ethik sich zu einem ähnlichen Schritte an⸗ 
schicke; aus seiner Vorstellung der Liebe fordert er eine freie, 
uneigennützige Hingabe an das Ganze, so wie sie später etwa 
der Marquis Posa predigen wird: es ist eine Vorbildung des 
strengen Pflichtgebotes Kants. 
Im übrigen aber waren sich Schiller und noch mehr der 
an den Philosophischen Briefen mitbeteiligte ältere Körner 
nicht im unklaren darüber, daß diese ganze Konzeption in— 
sofern ein „bestandloses Traumbild“ sei, als ihr die erkenntnis— 
theoretische Grundlage fehle; und als Körner das aussprach, 
sah Schiller darin eine „entfernte Drohung mit Kant“, mit 
dem er sich allerdings beschäftigen müsse. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.