Object : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

An  die  Zimmerer  Berlins

und  Umgegend!

"SEH«?

Werthe  Kameraden!
Abermals  sind  wir  gezwungen,  ein  ernstes  Worl  mil  Euch  zu  reden.  Ihr  Alle  wißt,  daß  der
Branerciring  Hunderte  neu  unschuldigen  Arbeitern  miss  Pflaster  geworfen  hat.  Ihr  wißt  ferner  die  Ursachen,
durch  welche  dieser  Kampf  entstanden  ist,  Ihr  kennt,  auch  die  Beschlüsse  der  Berliner  Arbeiterschaft,  die  durch
das  brutal-  Vorgehen  der  Brauereiprotzen  nothwendig  wurden,  sollten  nicht  die  unschuldig  brotlos  gemachten
Brauereiarbeiter  gezwungen  sein  um  Gnade  zu  betteln.
Darum  frage  sich  nun  ei»  Jeder:  „hast  Du  die  Beschlüsse  der  Berliner  Arbeiterschaft,  in  deren
Kette  auch  Du  ein  Glied  bildest,  richtig  gehalten?"  „hast  Du,  seitdem  der  Boykott  über  die  Brauereien  verhängt
wurde,  auch  denselben  streng  durchgeführt?"  Ein-  groß-  Anzahl  der  Zimmerer  wird  dies  nüt  „Nein"  beantworten ­
  müssen.
?  ArbeiiSgenossen!  Ungeheure  Borwürfe  haben  die  letzten  37  Volksversammlungen  den  Bauarbeitern,
also  auch  den  Zimmerern  gemacht.  Wollt  Ihr  nun  diese  Vorwürfe  so  ruhig  hinnehmen?  Wollt  Ihr  noch
länger  theilnahnislos  diesem  Kassenkampfe  zusehen,  und  die  Stellung  aufgeben,  die  Ihr  bisher  in  der  Arbeiterbewegung ­
  eingenommen  habt?  Bedenkt,  daß  das  Vergehn  jedes  Einzelnen  eine  Schmach  für  die  Gesammtheit
der  Zimmerer  Berlins  ist,  und  können  die  Mittel,  die  heute  von  der  Kapitalistenbrut  gegen  die  Brauereiarbeiter
  und  deren  Organisation  angewandt  werden,  auch  nicht  einmal  gegen  Euch  zur  Geltung  kommen?
Schon  heute  seid  Ihr  der  Launenhaftigkeit  Eurer  Ausbeuter  unterworfen,  wagt  Ihr  nur  die  geringste
und  doch  so  berechtigte  Widerrede,  so  fliegt  Ihr  hinaus,  aufs  Pflaster.  Keiner  kümmert  fich  darum,  wo
Ihr  Brot  für  Eure  Familien  hernehmt.  Sollte  es  deshalb  wohl  möglich  fein,  daß  Ihr  dem  jetzt  tobenden
Kampfe  fo  wenig  Beachtung  schenkt?  Da  doch  der  Feind  Eurer  auSgesverrten  Genossen  auch  Euer  Feind
ist.  Geloben  wir  uns  deshalb  heute  von  Neuem,  de»  Boykott  streng  durchzuführen:
Keiner  betrete  die  Schwelle  eines  Wirthes,  welcher
Ringbier  schäntt.  Keiner  trinke  Bier  auf  Bauten  und
Plätzen  von  boykottirten  Brauereien.
Bei  Richtefesten,  und  anderen  derartigen  Anlässen,  dars  Keiner  auch  nur  einen  Tropfen
Ningbicr  trinken,  hier  sei  Jeder  aus  dem  Posten,  hier  sei  einer  des  andern  Kontrolleur,  dann  wird  auch
die  Macht  des  Brauereirings  gebrochen  und  den  Arbeiter»  zu  ihrem  Rechte  verholfen  werden.
Es  ist  nicht  schwer  Kamraden  dieses  streng  iinie  zu  halten,  uns  zwingt  Keiner  und  kann  Keiner
zwingen  gegen  dis  Beschlüsse  der  Arbeiterschaft  zu  handeln.  Darum  Hand  aufs  Herz.  Zeigt,  daß  Ihr  wollt.

VE"  Hoch  die  Solidarität!  "HW

Ter  Vertrauensmann.

Redaktion  und  Verlag:  Theodor  Fischer,  Berlin  N.,  Dunterstr.  4.  —  Druck:  M.  Schrrnner,  Brunnenltr.  ttlt.

163.  Mahnung  zur  strikteren  Durchführung  des  Boykotts
            
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