Full text: Grundzüge der Sozialpolitik

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I. Teil. Allgemeines. 
Eingriffen verbunden. Daß die Kreise, die davon zunächst betroffen 
wurden, sich nicht sofort in froher Begeisterung um das sozialpolitische 
Banner scharten, ist natürlich und kann ihnen nicht zum Vorwurf gemacht 
werden. Aber nach nnd nach erwuchs durch die immer ständiger werdende 
Beschäftigung mit den sozialen Problemen in den Kreisen, die den Ar 
beitern gegenüberstanden, und nicht minder in den Organen der öffent 
lichen Gewalt ein neuer Geist, eine andere und höhere Auffassung. Ein 
soziales Pflichtbewußtsein gewann in ruhigem und stetigem Fortsehreiten 
die Herrschaft über die Geister, in Deutschland ohne Frage besonders 
befördert durch die Arbeiterversicherungsgesetzgebung. Was anfangs 
nur aus kühler Erwägung des die Vorteile und Nachteile abwägenden 
Verstandes geschah, drängte sich immer energischer auf als das Gebot 
einer sittlichen Pflicht sowohl gegen das Gemeinwesen, in welchem 
die Wurzeln der Kraft jedes Standes, jeder Klasse und jedes Einzelnen 
liegen, als auch gegen den unter ungünstigen und schwierigen Ver 
hältnissen im Kampfe des Lebens ringenden Teil der Volksgenossen. 
Die Bereitwilligkeit, zu helfen und zu bessern, wo es möglich war, 
die Opferwilligkeit zur Übernahme auch großer Lasten und Selbstbe 
schränkungen haben in einem Maße an Ausdehnung gewonnen, das 
unsere Zeit wesentlich von früheren unterscheidet. Gewiß gibt es noch 
viele, die anders denken; gewiß führt die Schärfe des Kampfes um 
die materielle Existenz auch in den anscheinend vom Geschick be 
günstigten Klassen noch oft genug von der höheren Auffassung der 
Sozialpolitik als einer sittlichen Pflicht hinweg. Aber wer die Ver 
hältnisse im ganzen überschaut und mit früheren vergleicht, kann den 
Fortschritt nicht verkennen. 
Das gesteigerte soziale Pflichtbewußtsein ist die wesentlichste Vor 
aussetzung für den Enderfolg der Sozialpolitik. Nicht schon die Erkennt 
nis der Gefahren, die dem Gemeinwesen, dem Vaterlande aus sozialen Miß 
ständen drohen, und das Streben nach Beseitigung dieser Gefahren, sondern 
erst der ernste Wille der Nation, dem Gebote einer sittlichen Pflicht zu 
genügen, führt die Sozialpolitik über Einzelerfolge hinaus dem Ziel näher, 
die durch die neuzeitliche Entwickelung weiter auseinander gerückten 
Klassen einander wieder zu nähern und in ihnen das Bewußtsein ihrer 
Zusammengehörigkeit und ihrer gemeinsamen Verkettung mit dem 
nationalen Staatswesen wieder zu lebendiger Wirksamkeit zu bringen. 
3. Kapitel. Die sozialpolitischen Richtungen. 
§ 1. Sozialpolitik und Sozialismus. Sozialpolitik und Sozialismus 
sind ihrem inneren Wesen nach unvereinbare Gegensätze. Es könnte 
anders scheinen, wenn man hört, mit welchem Eifer die politischen 
Vertreter des Sozialismus sich — namentlich in Deutschland — be 
mühen, die ganze Sozialpolitik als einen Erfolg der sozialistischen
	        
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