Full text : Grundzüge der Sozialpolitik

2.  Kapitel.  Voraussetzungen  der  Sozialpolitik.

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Haushaltungen  dringt,  erleichtert  den  Überblick  über  Verhältnisse
anderer  Klassen  und  anderer  Gebiete.  Die  größere  Beweglichkeit  der
Massen  —  durch  die  Eisenbahnen  ermöglicht,  durch  die  Freizügigkeitsgesetzgebung ­
  rechtlich  anerkannt  —  begünstigt  den  Austausch  der
Erfahrungen,  die  Verständigung  unter  gleich  Interessierten  und  ihren
Zusammenschluß  zu  gemeinsamer  Tätigkeit.  Vieles  hat  so  zusammengewirkt, ­
  die  soziale  Erkenntnis  in  den  Massen  der  Bevölkerung  weit
über  das  frühere  Maß  hinaus  zu  steigern.  Dadurch  erst  haben  die
sozialen  Probleme,  die  aus  der  neuesten  Entwickelung  hervorgegangen
sind,  eine  solche  Bedeutung  erhalten,  daß  es  nicht  nur  zu  Versuchen
gemeinsamer  Selbsthilfe  gegen  gewisse  Übelstände,  sondern  mehr  und
mehr  zu  einer  von  dem  Willen  der  Nation  getragenen  umfassenden
Sozialpolitik  kommen  konnte.
In  dem  Gesagten  liegt,  daß  ohne  Hebung  des  geistigen  Niveaus
der  Volksmassen  unsere  Zeit  mit  den  Opfern  und  Schwierigkeiten  und
Problemen  der  Sozialpolitik  nicht  belastet  wäre.  Aber  nur  eine  engherzige ­
  und  kurzsichtige  Auffassung  könnte  glauben,  daß  es  besser
wäre,  wenn  es  zu  jener  geistigen  Hebung  des  Volkes  nicht  gekommen
wäre.  Die  gesteigerte  Bildung  und  geistige  Regsamkeit  des  Volkes
ist  eine  Kulturerrungenschaft  von  höchster  Bedeutung  und  kann  und
darf  nicht  rückgängig  gemacht  werden.  Die  ganze  landwirtschaftliche
und  gewerbliche  Produktionsweise,  das  ganze  wirtschaftliche,  gesellschaftliche ­
  und  politische  Leben  unserer  Zeit,  die  Möglichkeit,  die  bedeutend ­
  angewachsenen  Volksmassen  zu  ernähren,  mit  einem  Wort  die
wesentlichen  Grundlagen  und  Stützen  der  heutigen  Kulturwelt  würden
in  sich  zusammenbrechen,  wenn  die  Masse  des  Volks  wieder  in  den
früheren  Zustand  der  Unwissenheit  und  geistigen  Schwerfälligkeit
zurücksinken  würde.  Die  Sozialpolitik  hätten  wir  dann  freilich  nicht
nötig,  aber  um  den  Preis  kulturellen,  geistigen,  sittlichen,  politischen
und  wirtschaftlichen  Niedergangs,  und  der  Preis  wäre  zu  hoch.
§  3.  Das  soziale  PfliehtbewuCstsein.  Die  bisher  besprochenen  sachlichen ­
  und  geistigen  Voraussetzungen  würden  schon  eine  sozialpolitische
Betätigung  ermöglichen.  Aber  wenn  sie  sich  nur  auf  diese  Voraussetzungen ­
  stützte,  würde  sie  über  ein  mehr  oder  minder  widerwilliges
Siclibeugen  unter  das  Joch  einer  gesellschaftlichen  und  politischen
Notwendigkeit  nicht  hinausgehen.  Sie  würde  damit  zwar  im  einzelnen
manches  erreichen  können,  aber  doch  nur  in  geringem  Grade  fähig
sein,  die  Gegensätze  zwischen  den  arbeitenden  und  den  übrigen  Klassen
abzumildern.  Die  Anfänge  der  neuen  Sozialpolitik  —  erst  in  der
zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  hat  sie  einen  umfassenden  Charakter
angenommen  —  zeigen  deutlich  jenen  Charakter.  Erklärlich  genug  ist
das.  Belästigungen,  Erschwerungen,  Einschränkungen  der  Bewegungsfreiheit, ­
  materielle  Einbußen  und  Opfer  waren  mit  den  sozialpolitischen
            
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