86
Der Skhepiicismus.
tung hervortreten. Aus Reisebeschreibungen, wie aus historischen
Berichten werden die Tatsachen wahllos zusammengelesen; es fehlt
jedes Prinzip ihrer Sichtung und der kritischen Prüfung ihrer
Glaubwürdigkeit. Nirgends entdeckt man hier den entscheidenden
Charakterzug der modernen Zeit, nirgends einen Gegensatz zu der
Art, in der Sextus Empiricus seine Belege auswählt und gruppiert.
So zeigt sich eine merkwürdige Umkehrung: der Zweifel, so radikal
er gegenüber den logischen Grundlagen des Denkens auftritt, ver-
sagt gegenüber dem einfachen „Faktum“ und seiner Ueberlieferung.
Die Skepsis ist nicht zum Begriff der historischen Kritik vor-
zedrungen. Bei Montaigne bereits besteht ein bezeichnender Ge-
zensatz zwischen der theoretischen Zweifelslehre und dem naiven
Zutrauen, mit dem er allenthalben abenteuerliche Erzählungen
und Berichte aufnimmt und zu Beispielen und Schlussfolgerungen
zusammenfügt. Ueber den skeptischen Gedankenreihen erhebt
sich eine eigene und unabhängige Welt der Phantasie. Wenn
indes diese Doppelheit hier in dem Stilcharakter des Ganzen wur-
zelt und mit zu dem ‚eigentümlichen Reiz des Werkes gehört, so
wird sie in der nüchternen und doktrinalen Form von La Mothe
ie Vayers Dialogen zum Widerspruch. Die nächste und notwen-
dige Aufgabe innerhalb der Lehre musste die Kritik der geschicht-
lichen Ueberlieferung bilden: man erkennt hier eines der inneren
und sachlichen Motive, die zur Fortbildung des Skepticismus in
Bayle hinüberführen.