184 Der Skepticismus. — Sanchez und La Mothe le Vayer.
hat in Montaignes Essais, in der öffentlichen Beichte, die hier
der Einzelne vor aller Welt ablegt, eine Hindeutung auf den
Protestantismus gesehen: ein Zusammenhang, der von Mon-
taigne selbst unmittelbar bestätigt wird. „En faveur des huguenots,
qui accusent nostre confession auriculaire et privee, ie me confesse
en public, religieusement et purement“ (III, 5), Enger noch knüpft
sich diese Beziehung in dem bekannten Kapitel der Essais über
Jas Gebet, wenn hier der religiöse Unwert jeder äusseren Zere-
monie betont und die sittliche Geltung des Gebets einzig von der
Wandlung und „Reformation“ des Inneren, die sich in ihm dar-
stellt, abhängig gemacht wird. Nicht auf der Macht der Heils-
mittel, sondern einzig auf der Kraft und Reinheit der inneren Ge-
sinnung muss das echte religiöse Vertrauen ruhen: wo immer es
anders ist, da wird die Gottheit in einen Dämon verwandelt, den
man durch magische Zaubermittel zu zwingen vermeint. —
Stehen hier die Probleme der Geisteswissenschaft im Mittel-
aunkt der Betrachtung, so ist bei Sanchez, dessen Werk „Quod
aihil secitur“ unabhängig von Montaigne entstanden ist, die
Skepsis wiederum an den Problemen der Naturerkenntnis ent-
standen und auf sie bezogen. Der Zweifel, so unbedingt er auf-
tritt, trifft hier dennoch in erster Linie die bestimmte Form der
Schulwissenschaft, der Sanchez sich gegenüber sieht. Die
Syllogistik ist es, gegen die sich seine Angriffe in erster Linie
richten; von ihren Quaestionen und Distinktionen, durch die
ıns nur Namen und Namen der Namen gegeben werden, will er
zur Erforschung der Dinge und ihrer Ursachen zurückleiten.
Und wie hier der Dialektik gegenüber auf die Wahrnehmung
ınd Beobachtung zurückgegangen wird, so wird allgemein daran
festgehalten, dass die echte Gewissheit, sofern es eine solche gibt,
lem „diskursiven“ Denken entzogen und auf einen Akt des un-
mittelbaren, intuitiven Schauens gegründet sein muss. In solcher
inneren Selbsterfassung erkennen wir zunächst das eigene Ich
und seine Operationen. Aber freilich vermag auch diese Rück-
wendung auf das Selbstbewusstsein uns keinen festen und
dauernden Halt zu gewähren: denn wenn das Selbst alle anderen
Inhalte an Gewissheit überragt, so ist es ihnen doch, was die
Bestimmtheit der Anschauung betrifft, unterlegen. Wir bleiben