190 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.
wirklichen humanistischen Reform kam es erst 1622. Weitaus
mehr in den Vordergrund trat dafür das benachbarte Tübingen.
Die Hochschule war hier zwar ärmlich genug ausgestattet, aber
die humanistische Begeisterung des Fürsten, der sie begründet
hatte, Eberhards im Barte, und die Thätigkeit eines einzigen
Mannes, Heinrich Bebels, gaben ihr eine besondere Stellung.
Bebel lebte in Tübingen seit 1497. Ein trefflicher Pädagog,
hatte er ungemeinen Zulauf, den seine Schriften, der Priumphus
Venéris und die Poggio nachgebildeten Facetien, voll sittlich be—
denklichen und dem Klerus feindlichen Inhalts, gewiß eher
mehrten als minderten. Zu einer vollen Durchbildung der Univer⸗
sität ins Humanistische kam es allerdings erst im Jahre 15265.
In Mitteldeutschland wurde Erfurt zum frühesten und
wichtigsten Sitze des akademischen Humanismus; in Leipzig
wurde ihm erst in den ersten zwei Jahrzehnten des 16. Jahr⸗
hunderts durch den energischen Herzog Georg Bahn gebrochen;
Wittenberg, alsbald freilich humanistischen Neigungen zugäng—
lich, ward erst im Jahre 1502 begründet.
In Erfurt trug schon um 1460 der Wanderhumanist Peter
Luder auf eigene Faust seine Lehren vor; später war Jodocus
Trutvetter, der Lehrer Luthers, seit 1476 in Erfurt, wenigstens
der neueren Richtung der Philosophie und auch der gramma⸗
tischen Studien nicht abgeneigt, insofern sie eine gediegene
theologische Vorbildung ergäben. Damit war der Boden ge—
ebnet für den durchschlagenden Erfolg des Humanismus, den
Conrad Mutianus Rufus (1471 -1526) erzielte. Mutian ver⸗
dankte seine erste Bildung Deventer und Erfurt, aber erst ein
zehnjähriger Aufenthalt in Italien gab ihm den Stempel: er
wurde ein begeisterter Anhänger des Platonismus der Floren⸗
tiner Akademie. Das hinderte ihn indes nicht, in Gotha eine
Stiftsherrnpfründe anzunehmen; als seine eigentliche Aufgabe
sah er dabei die Reform Erfurts an und die Verbreitung des
Humanismus in Deutschland vermittelst eines ausgedehnten
Briefwechsels. In der That gewann er in Erfurt Freunde
seiner Absichten. Ihren Mittelpunkt fanden diese in dem geist—
reichen, kritisch angelegten Crotus Rubeanus. Und erreicht