Object: Die südrussische Eisenindustrie

Die südrussische Eisenindustrie während der Revolution. 55 
nehmen. Die von den Werken vorgeschossenen Gelder von zum 
Teil beträchtlicher Höhe gingen in der Folge durch ungeübte und 
betrügerische Führung verloren. 
In den Betrieben sanken Meister und Ingenieure immer mehr 
zu Statisten herab. Wer sich irgendwann — sei es auch vor Jahren — 
mißliebig gemacht hatte, mußte seinen Wirkungskreis verlassen. Auch 
„gegenrevolutionäre Gesinnung“ war oft der Grund zur'Entlassung 
eines Vorgesetzten durch die Arbeiterversammlung. Neu eintretende 
Beamte mußten sich die Genehmigung des Arbeiterausschusses vor 
Antritt ihrer Tätigkeit erwirken. Die geringfügigsten Vorkommnisse 
innerhalb der Betriebe unterlagen einer weitschweifigen Beurteilung 
in einem der Ausschüsse oder der allgemeinen Arbeiterversammlung. 
Der nachher unterlegene Teil fügte sich nicht, und eine höhere 
Stelle mußte sich wieder mit derselben Sache beschäftigen. Die 
neuen Autoritäten hatten weder das Ansehen noch die Machtbefugnis, 
ihren Urteilen Kraft zu verleihen. 
Mit der Herrschaft der Bolschewiki Anfang November 1917 
ging die Demokratisierung der Werke weiter. Ein Erlaß Lenins 
ordnete die Bildung von „Überwachungsausschüssen“ auf Werken 
und Fabriken an. Sie bestanden nur aus Arbeitern, hatten die 
Prüfung aller Betriebsberichte, aller Einkäufe und Verkäufe, und 
verlangten und erhielten das Recht der Gegenzeichnung eines jeden 
Briefes, der aus den Werken herausging. Der Kampf um die Werks 
kasse ging weiter. Er hatte je nach der Persönlichkeit des Leitenden 
oder je nach den örtlichen Verhältnissen mehr oder weniger Erfolg. 
Sache des späteren Geschichtschreibers wird es sein, den Werde 
gang der russischen Revolution darzulegen. Dem Zeitgenossen zeigt 
sich in ihr kein höherer Gedanke. Sie war eingestellt einzig und 
allein auf das Losungswort: „Gib!“ — „Gib das Land den Bauern, 
gib die Fabriken den Arbeitern!“. Aber von neuen Pflichten, die 
mit der Übernahme der Rechte zusammenhingen, wollte keiner etwas 
wissen! Der Ackerboden blieb ungepfiügt und in den Fabriken 
wurde nicht gearbeitet. Der Akkordlohn wurde abgeschafft, die Zeit 
verschwendung kannte keine Grenzen mehr. Neue Werte wurden 
immer weniger geschaffen, aber neues Geld weiter gedruckt. Und 
weil es bald mehr Geld als Ware im nichtarbeitenden Lande gab, 
sank die Kaufkraft des Geldes, und es entstand die fortschreitende 
Teuerung, deren Stillstand nicht abzusehen ist, bevor das Wirtschafts 
leben des Landes nicht in seine früheren Bahnen gelenkt wird. 
Als zu Ende des Jahres 1917 die Arbeitsleistung des Arbeiters* 
in den Kohlengruben von Monat zu Monat sank, waren zuerst ein 
zelne Abteilungen der Hüttenwerke und nachher ganze Werke ge 
zwungen, ihre Betriebe zeitweise einzustellen. Auf Befehl der Arbeiter-
	        
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