Dichtung.
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pressionist wie dieser, doch jenem an Intensität der Beobachtung
mehr als ebenbürtig.
Mußte nun diese Seite der Beanlagung des Dichters
leicht zur impressionistischen Kunsterzählung drängen, so führte
andererseits die dramatische Ader zum Aufsuchen der künst—
lerischen Disposition einer bei weitem fester geschürzten Hand—
lung, als sie im impressionistischen Roman sonst gefunden
worden war. Und so hätte Sudermann wohl am ehesten die
Lösung des schweren Rätsels einer impressionistischen Dispo—
sition der großen Kunsterzählung gelingen können. Wenn er
diese Aufgabe gleichwohl nicht löste, wenn er vielmehr in seinen
Dichtungen das dramatische Bedürfnis nach einer fest um—
schriebenen Handlung in der herkömmlichen Formgebung des
Romans befriedigte, so scheint, abgesehen von den Schwierig—
keiten, die in der Sache liegen, dafür noch eine andere Seite
seiner Begabung von wesentlichem Einfluß gewesen zu sein:
seine Klugheit, Überlegtheit, Fähigkeit einer oft überscharf—
sinnigen kalten Berechnung. Denn diese wies ihn nach der
Stimmung des litterarischen Publikums von 1890 zunächst nur
auf ein Kompromiß hin, auf die Verbindung alter Form des
Ganzen mit langsamen, dem Gesamtcharakter eben noch an—
gemessenen Zugeständnissen an die neue Kunst im einzelnen.
Die Romane Sudermanns sind weithin bekannt, und der
Leser wird sich, wenn er seine Erinnerungen durchgeht, leicht
ein Bild davon machen können, inwiefern diese allgemeinen Be—
obachtungen für den Verlauf der Romanschöpfungen des Dichters
im einzelnen zutreffen. Im ganzen gehört in den frühesten
Erzählungen namentlich die Exposition gern völlig der alten
Technik an. Im Fluß der Darstellung dagegen finden
sich dann schon früh Umrisse des Impressionismus selbst über
die Schilderung hinaus und hinein in die Ausgestaltung der
allgemeinen Kunstform; und unterbrochen werden sie schließlich
entscheidend eigentlich nur noch durch die Neigung zu Effekt—
scenen, sowie die Konsequenzen eines starken Zuges zum Senti—
mentalen und gelegentlich auch Lüsternen, wie es jedem Natu—
ralismus an sich fern steht: bis sich der Dichter auch in dieser