Object : Bevölkerungslehre

4: Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 63

für die spätkarolingische Zeit die Volkszahl des ostfränkischen Reiches
auf 2'/,—3 Millionen, unter den Saliern auf 3—3'/, Millionen schätzt,
so können solche Zahlen der Natur der Sache nach nicht mehr als
Anhaltspunkte sein, die aber doch sicher im großen und ganzen die
aufsteigende Bewegung richtig wiederspiegeln.
Auch in der Folgezeit hat die Rodung und die Neugewinnung
von Land noch eine große Rolle gespielt. Man hat hier der ersten
Besiedelungsperiode gegenüber eine zweite unterschieden, die etwa
vom 9.—11. Jahrhundert reicht. Freilich beginnen sich jetzt bereits
Tendenzen zu zeigen, daß man in der Urbarmachung des Waldes
mitunter zu weit gegangen ist. Zahlreiche, damals begründete Ortschaften
 sind in der Folgezeit, weil auf. unfruchtbarem Boden und
unwirtschaftlich angelegt, wieder zugrunde gegangen. Aber auch
manche anderen Symptome sprechen dafür, daß man in dieser
Siedlungstätigkeit als Voraussetzung einer Erweiterung des Nahrungsspielraumes
 an gewisse Grenzen kam. „Hatte man noch in der
Karolingerzeit Wald und Land als unerschöpfliches Gut der Nation
betrachtet, wie Sonne, Luft und Wasser; jetzt zeigte sich immer
deutlicher die Begrenztheit der geographischen Grundlage des
nationalen Lebens. Der agrarische Nahrungsspielraum, einst unermeßlich,
 verengte sich, zumeist und zuerst am Rhein, in Schwaben
und Franken ... Es galt, sich auf begrenztem Raume zurechtzufinden.
Noch mehr als bisher erschien der Boden als wirtschaftlicher Wert;
unablässig steigerte sich deshalb sein Preis“ *).
Es ist dies aber auch die Zeit, in der sich Ansätze zeigen von
zwei anderen Seiten her in Deutschland, das Verhältnis von Nahrungsspielraum
 und Volkszahl weitgehend zu beeinflussen. Die Kolonisation
 des Ostens ist es, die dafür eine wichtige Rolle zu
spielen beginnt. Schon vom Jahre 1100 etwa ab werden in den Gebieten
 von Weser und Elbe Kolonistendörfer angelegt. Die meisten
Ansiedler kamen aus dem Innern des Reichs, z. T. auch aus Holland.
„Die in allen europäischen Ländern bemerkbare Übervölkerung bewog
 sie zur Auswanderung und zwar nicht einzeln, sondern in geschlossenen
 Scharen“?), Auch die Besitzverhältnisse und sozialen
Zustände auf dem Lande spielten dabei eine wesentliche Rolle.
„Wenn die Freilassung in der Heimat mit augenblicklicher Ansetzung
zu Erbzinsrecht verbunden gewesen wäre, so hätte sich kein niedersächsischer
 oder westphälischer Bauer einfallen lassen, auszuwandern.
5) Lamprecht, Deutsche Geschichte, Bd. 3, 4. Aufl., 1913, S. 58.
23 S. Hellmann, Das Mittelalter bis zum Ausgang der Kreuzzüge. Weltgeschichte
 von Hartmann, Bd. 4, 1920, S. 2303/04.
            
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