IV. Außenpolitische und innerpolitische Wandlungen in der Hanse 141
Ordenslandes durchzuführen, waren vorüber. Jetzt aber wurde es auch
immer seltener, daß gerade die führenden Familien Lübecks einzelne ihrer
besten Glieder abgaben, um im fernen Ostseebecken das Werk der Koloni-
sation weiterzubauen und vor allem: ihm Führer zu geben, die es im Sinne
der eigenen handelspolitischen Ziele lenkten. In verschiedener Weise war
das bisher der Fall gewesen. Einmal hatten sich die Familien, deren erste
nach Lübeck gekommenen Glieder selbst die Gründung Lübecks als Unter-
nehmer durchgeführt hatten?), selbst wieder bei der Gründung weiterer
Städte im Ostseegebiet beteiligt. Es ist durchaus kein Zufall, daß immer
wieder dieselben Familiennamen in den Ratsstühlen der verschiedenen
Städte des Ostseegebietes begegnen.
Nur für eine Stadt, Riga, möchte ich diese Verhältnisse auf Grund der
Ergebnisse einer Kieler Doktordissertation beleuchten. Unter den Rigaer
Ratsherren des 13. und 14. Jahrhunderts begegnen mindestens 30 Namen,
die mit Lübecker Familien derselben Zeit übereinstimmen. Darunter
zweifellos auch Vertreter der Lübecker Gründerunternehmerfamilien: So die
Warendorp, Coesfeld, Campsor und Soest. Aber auch die Velin, Vundengot,
Springintgod, Holst, Langeside, Cignus und Wittenborg — um nur einige der
Rigaer Ratsfamilien zu nennen — stehen mit hochangesehenen lübischen
Familien derselben Zeit und desselben Namens in blutmäßigem Zusammen-
hang. Dieselben Warendorp haben auch im Ratsstuhl von Wisby, Wismar
und Rostock in der Frühzeit dieser Städte gesessen‘).
Zusammenhänge solcher Art ließen sich für das 13. und frühe 14. Jahr-
hundert sehr zahlreich nachweisen; sie sind inihrer häufigen, ja regelmäßigen
Wiederkehr eine gesellschaftspolitische Tatsache von grundlegender Be-
deutung. Die imponierende Planmäßigkeit des Vorganges der Städte-
desiedlung im Ostseebecken, der von Lübeck in gerader Linie über Wisby
nach Riga und Dorpat führt, und dann erst den Südrand der Ostsee mit
Städten besetzt, findet gerade im Zusammenwirken derselben Familien an
verschiedenen Punkten seine Erklärung. Im Zusammenhang mit dem Kolo-
nisationswerk des Deutschen Ordens haben dann dieselben und neu hoch-
gekommene Lübecker Familien als städtische und ländliche Lokatoren
großen Stils gewirkt). Sodann waren Glieder der angesehenen städtischen
Familien im Konvent der Ordensritter häufig vertreten. Und nicht nur das.
Als Mitglieder der Domkapitel und als Bischöfe und Erzbischöfe haben
wiederum dieselben Familien nicht nur etwa in Lübeck oder auch Schleswig,
sondern auch in Riga, Dorpat oder im Ermland eine führende Rolle gespielt.
Bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts hinein ist also gerade in den führenden
Schichten der Städte von Westfalen hinüber bis ins Baltikum eine ständige
von Westen nach Osten gerichtete Verschiebung festzustellen. Sie erfolgt
nicht zufällig, sondern planmäßig, ist getragen von den Zielen der die Politik
beherrschenden Ratsfamilien und bewirkt ihrerseits die innere Einheitlich-