Religiöse Bewegung; Luther.
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Melanchthon. Am 28. August 1518 war er nach Wittenberg
gekommen, blutjung, schwächlich, durch sein Äußeres zunächst
enttäuschend, ein vielumworbener Kenner der griechischen Sprache;
aber wie bald hatte der ausgezeichnete Lehrer Fuß gefaßt
im Kreise seiner Zuhörer und noch mehr im Herzen Luthers,
der den Jüngling als seinen Meister verehrte. In der That
konnte es einen Augenblick scheinen, als habe Luther in seiner
Bescheidenheit recht, daß er nur der Vorläufer Philippi sei,
dem er nicht wert sein werde, die Schuhriemen zu lösen.
Melanchthon fand nach der Leipziger Disputation für eine
Fülle von religiösen Erlebnissen Luthers mit sicherer Hand die
allgemein bindende Formel; er deckte mit Erfolg die Grund—
schwächen der katholischen Lehre von der Messe auf; er stellte
schon nahezu tadellos das formale Prinzip des Protestantismus
auf, das Grundgesetz der dogmatischen Interpretation und der
alleinigen Geltung der Schrift als Quelle des Glaubens.
Es waren Errungenschaften, die Luthers Feuergeist hätten
vorwärts treiben müssen, selbst wenn keinerlei Anstöße äußer—
licher Art erfolgt wären. Aber auch diese blieben nicht aus.
Seit Anfang 1520 ward Luther unmittelbarer wie bisher
auf die Hilfe des Reichs gewiesen. Ein Gesandter Karls kam
an den Hof des sächsischen Kurfürsten; Luther speiste mit ihm
zu Hofe; er konnte ihm einen Brief mitgeben an die Majestät,
‚ein armseliger Bettler“, einen Brief, der gleichwohl freimütig
forderte, daß man ihn höre: „Ich will keinen Schutz, wenn ich
der Gottlosigkeit und Ketzerei überführt werde. Darum allein
bitte ich, daß meine Lehre, möge sie wahr sein oder falsch,
nicht verdammt werde ungehört und unüberwunden.“
Und auch Rom ließ über sich in doppelter Weise hören.
Hutten sandte Luther eine Schrift des Laurentius Valla zu,
die unwiderleglich die Unechtheit der sog. konstantinischen
Schenkung, eines der Fundamente für die Begründung der
weltlichen Herrschaft des Papstes, nachwies; nun sah sich
Luther fast unausweichlich gezwungen, den Papst als die dämo—
nische Macht auf Erden, als den Antichrist zu betrachten. Und
in diesem Glauben bestärkte ihn eine neue Schrift Mazzolinis,
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