Object: Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels 1868-1883 / [hrsg. von D. Rjazanov] (Abt. 3, Briefwechsel, Bd. 4)

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(1476) 1878 Sept. 17 
Don-Kowalsky. Eine sehr hübsche Anekdote hat mir der fat boy, 
der Sonntag bei mir war, erzählt. Vor seiner Abreise hatten bei 
ihm verschiedne „diplomatische“ Aspiranten unter seinen Mos- 
kauer Studenten Examen zu passieren. Darunter sind viele Bur- 
schen, die viel älter sind als er selbst, namentlich Montenegreser, © 
die auf Kosten des Russian Asiatic (diplomatic) Depart- 
ment ihre akademische Zucht erhalten. Diese Burschen zeichnen 
sich durch denseness und Bejahrtheit aus, wie weiland bei uns auf 
dem trierischen Gymnasium die Bauernlümmel, die sich zum Se- 
minarium (katholischen) vorbereiten und großenteils Stipendien 1 
beziehn. 
Obgleich die russischen Nummern von 0—5 gehn (für die Uni- 
versitätsexamen), erteilt Kowalewsky nur 2 Nummern, 4 für die, 
die gar nichts, und No. 5 für die, die etwas wissen. Kommt bei 
dem letzten Examen zu ihm ein baumhoher 32jähriger Montene- ı 
greser, einer seiner Zuhörer, und sagt ihm: Ich muß No. 5 haben; 
ich weiß nichts, das weiß ich, aber ich weiß andrerseits, daß, wenn 
ich „wieder“ No. 4 bekomme, das Asiatic Department mir den 
Reisepaß nach Montenegro ausstellt; ich muß also No. 5 haben. 
Er fiel natürlich beim Examen glänzend durch, da Kowalewsky, 2 
wie er ihm auch mündlich erklärt, no necessity für seinen weite- 
ren Aufenthalt in Moskau sah. 
Das Sonderbarste ist — wie Kowalewsky sagt —, daß alle 
diese Burschen aus Montenegro in Moskau einen fanatischen Rus- 
senhaß einsaugen. Sie haben ihm das selbst naiv erzählt und als 2 
Motiv angegeben: Die Russen in general und die russischen Stu- 
denten im Besondern behandeln uns und erklären uns für Bar- 
baren und Rindviecher. Die russische Regierung erzielt daher 
grade das Gegenteil von dem, was sie bezweckt mit ihren „Wohl- 
taten“. 
Was wir unter uns im Scherz sagten: Die russischen Sozialisten 
begehn die „Greuel“, und die „gesetzkonformablen“ deutschen 
Sozialdemokraten sollen dafür hors la loi gestellt werden, hat der 
alberne Stolberg ernsthaft vorgebracht, Er vergißt nur zuzufügen, 
daß neben diesen „Greueln“ in Rußland ein „Gesetzeszustand“ # 
existiert, den Krautjunker Bismarck als ideales Ziel, aber uner- 
reichbares, mit seinen Gesetzvorlagen anstrebt. N 
Daß die Russen, unterstützt von Preußen und Östreich, jetzt 
abermals „europäische Mediation‘ verlangen, ist viel bedeut- 
3ames Symptom. # 
Addio, Ich hoffe, daß Du Dich erholst von den letzten Schrek- 
ken in Littlehampton. Besten Gruß von Tussy und Lenchen. 
Dein Mohr. 
A.
	        
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