Die Spätromantik.
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schon der Sprache zugänglichen Gefühlswelt wurde. Und sie ist
insofern, als der klassischste Ort vielleicht schon der ersten Ab—
leitungen und der unmittelbarsten Emanationen der Frühroman—
iik, eine der entwicklungsgeschichtlich frühesten Erscheinungen
des späteren Romantismus.
In diesem Zusammenhange versteht sich denn auch, daß die
nusikalische Romantik nicht eigentlich durch eine starke Fort—
hildung der absoluten Musik charakterisiert sein konnte; sie folgte
pielmehr dem poetischen Empfinden der Dichter und damit
der Sprache oder mindestens einem dichterischen Grund—
gedanken:
Durch alle Töne tönet
Im bunten Erdentraum
Ein leiser Ton gezogen
Für den, der heimlich lauschet.
Es sind Worte Friedrich Schlegels, die man mit Recht zur
Erklärung vor allem noch von Schumanns C-Dur-Phantasie
herangezogen hat, jener wunderlichen Vielheit von bizarren,
wilden und großen oder intimen und weichen Zügen. Und
doch war Schumann, der größte Instrumentalist noch unter
den Romantikern, bereits in vieler Hinsicht schon ein Vorläufer
der Musik der zweiten Periode des Subjektivismus, der musika—
ischen Kuünste der Liszt und der Wagner!
Indem aber so die Musik zur Poesie in enge Beziehungen
trat, und zwar nicht bloß in interpretatorische, sondern sehr
hald auch in dem Sinne, daß sie den Gefühlsausdruck der
Dichtung reinigte, genauer faßte und dadurch überhöhte,
wurde sie zugleich an die Spitze mindestens der darstellenden
Künste, ja in gewissem Sinne sogar auch schon der bilden—
den Künste der Romantik und erst recht noch späterer Zeiten
gestellt. Es war der Beginn einer Richtung in der Entwick—
lung, die schließlich in dem Gesamtkunstwerk Richard Wagners
zipfelte.
Ehe indes die Musik damit zum Ausdrucke nicht bloß
mehr einer gegebenen Poesie, sondern aller Sehnsuchten,
auch der religiösen und philosophischen, wurde und sich, von