Full text: Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

664 
Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit. 
von der Natur gegebenen Organisation hinzufügen? — ganz einfach den 
Parasitismus 1 ). 
Seine These ist doch, daß Alle, die in der Gesellschaft eine gewisse- 
Überlegenheit der Stellung, des Reichtums oder der Intelligenz haben, 
diese Überlegenheit durch eine kecke Rollenvertauschung an sich ge 
rissen haben und in Wahrheit nur die Schuldner derjenigen sind, die- 
keine Erfolge erringen konnten; so daß es vielmehr diese sind, die das 
Recht beanspruchen könnten, auf Kosten jener zu leben — aber dabei 
vergißt man, daß viele dieser angeblichen Schuldner am meisten zu der 
Schöpfung des materiellen und geistigen Besitzes der Gesellschaft bei 
getragen haben. Man sucht so in der ganzen Gesellschaft immer dichtere 
Schichten von Leuten zu schaffen, die von der Solidarität leben, wie es 
früher solche gab, die vom Bettel lebten. Aber diese Leute sind viel ge 
fährlicher, denn sie werden nicht mehr von der Erniedrigung, um Almosen 
bitten zu müssen, zurückgehalten: sie verlangen, daß man ihnen gebe, 
was man ihnen schuldig ist: nicht „um Gottes Willen“, sondern im Namen 
eines, man weiß nicht recht welches Quasi-Kontraktes und mit dem 
Schutzmann hinter sich, für den Fall, daß der sogenannte Schuldner 
nicht mit der nötigen ergebenen Bereitwilligkeit die Forderung erfülle. 
Daher kommt das Überhandnehmen der pensionierten Arbeiter, der 
Invaliden, der Rentenempfänger und Arbeitslosen, der Opfer eines mehr 
oder weniger wirklichen Unglücksfalles, der Eltern, deren Kinder in den 
Schulküchen umsonst essen, der Fabrikanten und Besitzer, die unter 
der Form eines Einfuhrzolles direkte oder indirekte Prämien erhalten, 
und der Angestellten öffentlicher Behörden, die im Namen der beruf 
lichen Solidarität die nationale Solidarität mit Füßen treten und 
unbekümmert die Interessen der Verbraucher und der Steuerzahler preis 
geben. 
Gewiß behaupten die Nationalökonomen nicht, daß die gegenseitige 
Gerechtigkeit, das do ut des, für Alles ausreiche: sie geben zu, daß sich 
noch ein weites Feld jenseits der Gerechtigkeit erstreckt, — das Reich 
der Mildtätigkeit: aber sie halten es für verderblich, diesen Bezirk dem 
Gebiet der Gerechtigkeit einzuverleiben, indem man sich der Solidarität 
als Vorwand für die Berechtigung dieser Einverleibung bedient. 
In Summa gibt es eben kein Mittel, dem Dilemma zu entgehen: 
entweder erhält ein Jeder den Gegenwert dessen, das er gibt, und in dem 
1 ) „Die Solidarität dient den Leuten als Vorwand, die von der Frucht der Arbeit- 
Anderer profitieren wollen, den Politikern, die das Bedürfnis empfinden, sich auf Kosten 
der Steuerzahler Anhänger zu suchen: es ist einfach ein neuer Name, den man einer 
Art Von höchst ungesundem Egoismus gegeben hat“ (Vilfredo Pareto, Le ptrü 
socialiste, Journal des Kconomistes 15. Mai, 1900). 
„Die solidaristischen Theorien, die fortschreitend und ins Unendliche die Zahl 
der Unfähigen vermehren“ (Demolins, Sup§riorit§ des Anglo-Saxons).
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.