Full text: Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

Vorwort zur nerten Auflage. 
XI 
rechtfertigt, wenn ein oder das andere Gouvernement das Verdienst 
des Verkehrsanfschwunges wesentlich seinem Kegierungssysteme 
heimessen will. Hier wirken vor Allem ganz andere , den ]\Iacht- 
einflüssen auch des gewaltigsten Selbstlierrschers völlig entrückte 
Facturen. 
Weit mehr als die politische Regierungsform, kommt in dieser 
Beziehung das herrschende Handelssystem der einzelnen \ erkehrs- 
gehiete in Betracht. Es ist zwar bezeichnend, dass selbst die hem 
mende Schutzzolleinrichtung den Aufschwung des Verkehrs nur 
aufzuhalten und zu beschränken, nicht aber zu verhindern ver 
mag, wie u. a. das Beis])iel S])aniens beweist. Aber auch diese 
hemmende Fessel ist auf die Dauer unhaltbar geworden. Wir se 
hen die eigentliche Frohihitivform schon jetzt überall fallen ; auch 
das Gebiet der Schutzzölle verengert sich immer mehr. Alle Ver 
hältnisse der neuzeitlichen Entwicklung fordern gebieterisch den 
Freihandel, wie dieser hinwieder seine mächtige Rückwirkung 
überall äussyt. Die Fortschritte, welche in dieser Beziehung und 
gerade ebenso diejenigen, welche auf dem Gebiete der Gewerbe 
freiheit während des letzten .lahrzehnts erlangt wurden, gehören 
ohne Zweifel zu den folgenreichsten und grossartigsten Aenderun- 
gen in unsern socialen Verhältnissen. 
W enn wir oben bemerkten, dass die Zunahme des Handels 
nicht von den Regierungen als ih r Verdienst beansprucht werden 
könne, so gilt das Gleiclie von der Zunahme der öffentlichen Ein 
künfte, besonders dem steigenden Ertrage der indirecten Auflagen. 
Zudem erscheint als ( Korrelat dazu ein Wachsen der Bedürfnisse, 
der Ausgaben des Staates. In den Staatsfinanzen gewahren wir 
eine ähnliche Gestaltung wie in der Industrie : der an sich wohlthä- 
tige Reiz artet nicht selten in einen Eeberrciz aus. Es wiederholt 
sich die Erscheinung, welche alsbald n:ich der Entdeckung Ame 
rikas wahrgenomnien werden konnte: trotz der Einkünftevemieh- 
rung reichen die Mittel vielfach nicht mehr hin zur Bestreitung 
der wachsenden Bedürfnisse. Wenn Jemand vor dem .1. 1S49, also 
vor der Zeit des Beginnes der kalifornischen Goldfunde, voraus 
gesagt hätte, dass die regelmässigen Einkünfte von Italien, Oester 
reich, Russland, Spanien und Frankreich bis zur jetzigen Höhe 
em])orgebracht werden könnten, so hätte schwerlich Jemand ge- 
zweifelt, dass in diesem Falle alle finanziellen Verlegenheiten der 
genannten Staaten überwunden sein würden, und dass sich die be- 
zeichneten Gemeinwesen in der blühendsten Finanzlage befinden 
mussten. Statt deren begegnen wir in den genannten Ländern 
durchgehends kaum andern Rechnungsabschlüssen als solchen — 
mit colossaleni Deficit. 
hast überall haben sich die Staatsschulden — nach den 
früheren Begriffen ins Fabelhafte — vermehrt. Und voraussichtlich 
stehen wir auch in dieser Beziehung noch nicht am Ende. Wenu 
der vielfach verdiente von Reden unmittelbar vor dem Krimkriege 
den Nachweis zu führen suchte, dass der französische Staat 
wegen seiner finanziellen Zerrüttung (bei der Unmöglichkeit, zwei-
	        
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