ALLGEMEINE VERHÄLTNISSE. — Sterblichkeitslisten. 487
tem 93. Lebensjahre leben noch 4 Personen, von denen 3 im nächsten und 1 im
darauf folgenden Jahre sterben. Das Mittel der von jeder noch zu durchlebenden
Jahre oder die mittlere Lebensdauer des 93jährigen ist daher —y=0,75
Jahre. Nach zurückgelegtem 92. Lebensjahre leben noch 11 Personen, von denen
7 im nächsten, 3 im darauf folgenden und 1 im letzten Jahre sterben. Das
Mittel der von jeder derselben noch durchlebten Jahre oder die mittlere Lebensdauer
für den 92jährigen wird daher sein
11+4+1 1
11
— 2 = 0,95 Jahre u. s. f.
Die mittlere Lebensdauer wird sonach für jedes Lebensalter x dadurch gefunden,
dass man die von diesem Lebensalter x ab bis zum höchsten Alter der Sterblichkeitsliste
Lebenden addirt, die Summe mit der Zahl der Lebenden bei x
dividirt und den Quotienten um % vermindert. In dieser Weise ist die mittlere
Lebensdauer für jedes Alter in obigen Sterblichkeitslisten berechnet worden.
Die Kenntniss der mittleren Lebensdauer eines Volks sowohl für die Zeit
der Geburt, als auch für jede folgende Altersstufe ist ein höchst wichtiges
Hülfsmittel für viele anthropologische und volkswirthschaftliche Untersuchungen
und Vergleichungen. Dieselbe kann aber nur gefunden werden auf Grund
einer mit Genauigkeit construirten Sterblichkeitsliste, und es ist daher eine
der wichtigsten Aufgaben der Statistik, obiges Problem zur Gewinnung solcher
Listen zu lösen. Die Versuche, die mittlere Lebensdauer für die Zeit der
Geburt aus andern Verhältnisszahlen, namentlich aus den Geburts- und Sterblichkeitsziffern
eines Landes, oder aus dem arithmetischen Mittel beider Ziffern,
oder aus dem Durchschnittsalter der Lebenden und Gestorbenen abzuleiten
oder damit zu identificiren, führen zu unrichtigen Resultaten. Alle diese
Verhältnisse können sich je nach dem Geburtsverhältniss und der Frequenz
der verschiedenen Altersclassen ändern, ohne dass die Sterblichkeit die geringste
Aenderung erfährt und eben so umgekehrt. Gleichwohl haben sich •
manche Statistiker dieser Irrthümer und Verwechselungen schuldig gemacht.
Wenn daher von der mittleren Lebensdauer einer Bevölkerung oder eines gewissen
Berufstandes die Rede ist, so hat man zu berücksichtigen, ob die Angabe
sich auf eine gehörig construirte Sterblichkeitsliste gründet, ehe man
derselben Glauben schenkt. Ist von der mittleren Lebensdauer eines Berufstandes
die Rede, so muss ausserdem, da die Ausübung des Berufs nicht mit
der Geburt beginnt, angegeben sein, auf welches Anfangsalter sich die mittlere
Lebensdauer bezieht.
Die mittlere I.ebensdauer für die Zeit der Geburt ist nach den besseren
der dermalen vorhandenen, wenn auch noch nicht ganz zuverlässigen
Sterblichkeitslisten folgende :
männl. Oeschl.
Belgien 1856 (Quetelet) . . . 37,42 Jahre
Niederlande 18*%, (v. Baumhauer) 35,44
Frankreich 18'%, (Demonferrand) 39,29
England 1841 (Farr) 40,19 -
weibl. Oeschl.
38.95 Jahre
38,20 -
40.95 -
42,18 -
Stadt Carlisle 17'%, (Milne) . . 38,72 Jahre
Schweden 1/*%, (M argentin-Price) 33,20 Jahre 35,70 Jahre
Die mittlere Lebensdauer des Menschen in der neueren Zeit schwankt
hiernach für das männliche Geschlecht zwischen 35 und 40 Jahren, für das
weibliche zwischen 38 und 42 Jahren ; in den früheren Zeiten, namentlich vor
Einführung der Kuhpockenimpfung, scheint sie ein Paar Jahre kürzer gewesen
zu sein, doch lässt sich für diese Annahme aus Mangel genauer Nachweise
über die damalige Sterblichkeit ein stricter Beweis nicht beibringen.
Zur Erläuterung sei hier noch bemerkt, dass einige Statistiker, wie Dieterici
und Wappaeus, unter mittlerer Lebensdauer das Durchschnittsalter
der Gestorbenen in einem Lande verstanden und für unsere mittlere Lebensdauer
den Namen »Vitalität« eingeführt wissen wollen. Es widerstreitet dies
jedoch einem fast hundertjährigen Sprachgebrauche. Zur Vermeidung von
Missverständnissen möge man daher bei diesem durch die Natur der Sache
gerechtfertigten Sprachgebrauche stehen bleiben. Eben so bezeichnet »Durch-