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ALLGEMEINE VERHÄI-TNISSE. — Sterblichkeit beim Militär. 515
weise gesund. Ebenso hat man bei den Truppen in Indien gefunden,
dass diejenigen Soldaten, welche sich nebenbei mit Schneidern und
Schustern , oder mit Buchbinderei, Uhrmacherei u. dgl. beschäftigen,
sich in Aufführung und Gesundheit auszeichnen , unbeschadet ihrer militärischen
Brauchbarkeit.*)
Nach einer Privatmittheilung des Oberarztes Dr. Boudin wäre
wol nie für eine Armee im Felde so vortrefflich gesorgt gewesen, wie
für die französische im italien. Feldzuge von 1859 , weswegen nur geringe
Verluste an Krankheiten vorgekommen seien. Dies ist ein Ausnahmefall.
In der Regel kommen auch in den blutigsten Kriegen weit
mehr Menschen durch Krankheiten als durch feindliche Waffen um.
W^ir verweisen auf die S. 22 und 125 angeführten Beispiele. Im russischen
Feldzuge hatte Napoleon schon zwei Drittheile seines ausgezeichneten
Heeres eingebüsst, als er Moskau erreichte, ob wol er die Hauptmacht
seiner Feinde nur einmal zu einer Feldschlacht gebracht hatte.
Die schliesslich siegreiche russische Hauptarmee aber, zu der allmählig
209,800 Mann verwendet wurden, hatte nach 5‘/* Monaten nur noch
40,290 bei den Fahnen! In dem Heere der Ver. Staaten hatte man in
den zwei Jahren vom 1. Juni 1861 bis dahin 1863 im Durchschnitt
jährl. 53,2 Todesfälle auf 1000 Mann ; davon kamen nur 8,6 auf Verwundungen,
dagegen 44,6 auf Krankheiten. Bei den OHicieren belief
sich die Zahl der Todesfälle durch Verwundungen auf 11 % vom Tausend,
bei den Gemeinen nur auf 8*/* ; dagegen die Sterbfälle durch Krankheiten
bei den Ersten nur auf 22, bei den Letzten auf 46. {A Report to
the Secretary of War upon the Sanitary Condition of the Volunteer Army;
by Fred. Law Ohnsted. — Mortality and Sickness of the Un. St. Volunteer
forces, by E. D. Elliot.)
Hier ist auch die Frage wegen des Acclim a ti sir en s zu erwähnen.
In den auswärtigen Besitzungen der europ. Staaten ist die
Sterblichkeit meist furchtbar. Man suchte durch langes Dortlassen der-*
selben Regimenter — das »Acclimatisiren« — dem Uebel zu begegnen,
vermehrte aber dasselbe damit. Den Bemühungen des engl. Obristen
Tulloch und den wissenschaftlichen Nachweisungen des franz. Oberarztes
Dr. Boudin gelang es, das entgegengesetzte System, das des häufigen
^Vechsels, wonach kein Corps über 3 Jahre in einer Colonie verbleiben
soll, zur Geltung zu bringen, weil, je länger der Mensch in ungesundem
Clima verbleibe, sein Körper desto hinfälliger werde. Und
*) In der piemontesischen Abgeordnetensitzung v. 2. Febr. 1857 bekl^c
sich der Kriegsminister über die Verminderung der ihm zur Verfügung gestellten
Mannschaftszahl; von den 10,000 M., welche aus der Altersclasse 1830 auL
geboten worden, seien nach 5 Jahren nur noch 5709 vo^anden gewesen, sonach
4291 in Abgang gekommen; ebenso von der 1831er Classe 4024 in Jahren.
Solche Menschenconsumtion erregte grosses Erstaunen. Der . Iimster
tbeilte nun weitere Ziffern mit, die uns zu folgenden Kesulteten fuhren. Von
den 10,000 Aufgebotenen wurden 1320 an die Marine überwiesen «der aus Familienrücksichten
entlassen etc. Blieben also noch 8080. Hievon aber starben
1120 (also über 12,9%!) und als körperlich unbrauchbar mußten aus dem Dienste
noch entlassen werden 1850 (über 21,3%), — Gesammteinbusse über 34 /,, wozu
freilich der Krimfeldzug nicht wenig beigetragen haben mag.