Die Kritik der sinnlichen Wahrnehmung,
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Ausdruck, sagen, es sei“. Und so dürfen wir fortan weder die
Bezeichnung des „So“, noch des „Nicht-so“ brauchen, weil auch
diese bereits den vergeblichen Versuch einer Fixierung in sich
schliessen würden: „sondern die, welche diesen Satz behaupten,
müssen eine andere Sprache erdenken, da es für ihre Grundansicht
bis jetzt noch keine Worte gibt: es müsste denn etwa sein das:
„in gar keiner Weise“ (055° öxwc). Denn dies möchte noch der rich-
tigste Ausdruck sein. wenn man es das Unbestimmte (drxeıpov}
nennt.“ 22)
Ist aber diese letzte Folgerung wirklich zutreffend und zwin-
gend? Das Sein, die unveränderliche Dauer der Sinnendinge ist
uns für immer und rettungslos entschwunden: müssen wir damit
aber zugleich den Begriff der Wahrheit aufgeben? Oder kennen
wir nicht vielmehr ein Gebiet von Wahrheit, einen Inbegriff wis-
senschaftlicher Sätze, die von der Existenz bestimmter empiri-
scher Subjekte gänzlich unabhängig sind? Seit der Entdeckung
der reinen Geometrie und der reinen Arithmetik hat sich uns eine
Klasse von Urteilen erschlossen, die sich nicht auf die Dinge
unserer Wahrnehmungswelt, sondern auf die reinen gedanklichen
Setzungen der Zahlen und Figuren beziehen. Wir können die
„Fünf“ und die „Sieben“ selbst betrachten, wir können nach ihrer
wechselseitigen Beziehung und ihrer Summe fragen, ohne „fünf
und sieben Menschen“ im Sinne zu haben. Die Objekte mögen
sich stetig verändern, sie mögen aus grossen zu kleinen, aus glei-
chen zu ungleichen werden: die Bedeutung, die wir mit den Be-
griffen „Grösse“ und „Gleichheit“ verbinden, bleibt dennoch stets
ein und dieselbe, Die scheinbare und ungenaue Gleichheit der
Hölzer und Steine bringt „das Gleiche sel: st“ ins Bewusstsein, weist
uns darauf hin, was dieses Prädikat in all den verschiedenen em-
pirischen Urteilen, in denen es auftritt, gleichmässig besagen will.
Die Dinge mögen entstehen und vergehen und sich mit immer
neuen Merkmalen und Prädikaten bekleiden: wenn nur der Sinn
dieser Prädikate selbst beharrt. Ihn zu befestigen und durch
allen Wechsel der empirischen Beispiele hindurch festzuhalten,
ist die Aufgabe und die Kraft der Definition, die somit eine
höhere, rein gedankliche Konstanz erschaftt, als sie im Gebiete
der Wahrnehmungswelt jemals erreichbar wäre. Sie ist es, die
die flüchtigen und ziellosen Gebilde der „Vorstellung“ zur festen