Full text : Währung und Handel

840

%

Ein  Körnchen  Wahrheit  ist  aber  allerdings  auch  in  dieser
Befürchtung  vor  dem  Abströmen  der  Goldmünzen.  Gold  ist
in  der  That  beweglicher  als  Silber  ;  es  wandert,  wenn  die
Korn  oder  Wolle  ist.  Ebenso  wie  ein  Land  oder  eine  einzelne  Person  sehr
rcdch  an  A\  olle  und  Korn,  deswegen  aber  noch  immer  sehr  arm  sein  kann,
ebenso  können  Privatpersonen  oder  ganze  I^inder  verhältnissmässig  reich  an
Geld  und  doch  in  tiefe  Armnth  versunken  sein.  Man  betrachte  einmal  die
l’rodnctionsdistricte  der  Edelmetalle;  dieselben  sind  sicherlich  geldreich  im
höchsten  Grade,  gehören  aber  zum  Theil  ebenso  unzweifelhaft  zu  den  ärmsten
von  den  Menschen  überhaupt  bewohnten  Gerieten  der  Erde.  Sie  sind  so
arm,  dass  sie  nicht  einmal  das  nothwendige  Capital  auftreiben  können,  um
die  einzige  Production,  die  bei  ihnen  im  Schwünge  ist,  gehörig  zu  invcstiren
und  auch  nur  halbwegs  rationell  zu  betreiben;  sie  sind  beinahe  durchwegs
von  Proletariern  bewohnt,  die  kümmerlich  von  der  Hand  in  den  Mund  leben.
Geld  aber  haben  sie  in  Fülle  so  viel,  dass  sie  es  fort  und  fort  abgeben  müssen,
lediglich  um  die  nackte  Existenz  kümmerlich  zu  fristen.  Diese  Länder  sind
also  arm,  aber  Geld  ist  das  letzte,  dessen  sie  bedürfen  ;  was  ihnen  fehlt,  das
ist  Capital,  u.  zw.  zufällig  Capital  in  anderer  als  Geldform.  Um  diese  Länder
reich  zu  machen,  müsste  ihnen  das  Capital  in  Form  von  Maschinen,  Nahrungsmitteln ­
  und  Kleidung  für  die  Arbeiter,  welche  die  Bergwerke  investiren  und
Fabriken  errichten  sollen,  zugeführt  werden.  Dagegen  bedürfen  gerade  die
reichsten  Länder,  England  an  der  Spitze,  ununterbrochen  neuen  Geldzuflusses  ;
sie  geben  Capital  ab,  führen  aber  Geld  ein,  dessen  sie  zu  Completirung
und  Erweiterung  ihres  Circulationsmittelvorrathes  bedürfen.  Das  Bedürfniss
nach  Geld  hat  also,  wie  man  schon  aus  diesen  zwei  Beispielen  ersehen  wird,
mit  der  Frage  des  Reichthums  nichts  zu  scliaflen,  ebensowenig  wie  das  Bedürfniss ­
  nach  Wolle  oder  Getreide.
Aber  auch  die  thatsächliche  Strömung  der  Edelmetalle  ist  nicht  durch
Reichthum  und  Armuth,  sondern  durch  ganz  andere  Verhältnisse  bedingt.  Im
Verhältnisse  zwischen  England  und  den  Goldproductionsländern  sind  es  allerdings ­
  die  ärmeren  Gebiete,  von  denen  das  Gold  nach  dem  reichen  abfliesst,
aber  nicht  aus  dem  Grunde,  weil  jene  arm  sind  und  dieses  reich  ist,  sondern  lediglich ­
  deshalb,  weil  jene  produciren,  wessen  dieses  bedarf.  Im  Verkehre  zwischen
Norwegen  und  England  ist  es  umgekehrt  das  arme  Land,  welches  Geld  vom
reichen  bezieht,  aber  wieder  nicht  aus  dem  Grunde,  weil  das  eine  reich  und  das
andere  arm  ist,  sondern  lediglich  deshalb,  weil  das  eine  des  Geldes  bedarf  und
das  andere  dasselbe  aus  erster  Hand  von  den  Minendistricten  bezieht  und
daher  weiter  abzngeben  in  der  Lage  ist.
Und  schliesslich  strömt  das  Geld  auch  dorthin  nicht,  wo  der  Zinsfuss
am  höchsten  ist;  der  hohe  Zinsfuss  zieht  Capital  heran,  und  nur  dann,
wenn  der  Zinsfuss  für  Geld  höher  wird,  als  der  für  andere  ('apitalion,
äussert  er  auch  seine  magnetische  Wirkung  auf  das  Capital  in  Form
von  Geld.  Der  Zinsfuss  in  Australien  und  Californien  ist  im  Durchschnitte ­
  der  Jahre  wohl  dreimal  so  hoch  als  in  England;  nichtsdestoweniger ­
  fliesst  Geld  von  Californien  und  Australien  nach  England.  Von
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.