Der Begriff des Weltorganismus.
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hier dennoch die Umrisse und Formen eines neuen Bildes der
äusseren Wirklichkeit heraus. Die intellektuelle Arbeit der Zeit
führt nur selten zu sicheren und fruchtbaren Ergebnissen, an die
die spätere Forschung direkt anzuknüpfen vermöchte: aber sie
deutet gleichsam in symbolischer Form und Sprache auf allge-
meine gedankliche Prozesse voraus, die sich im Aufbau der Wissen-
schaft wiederholen werden.
Es ist eine bunte Fülle individueller Gestalten, die uns in
der Entwicklung der Naturphilosophie, die sich zeitlich über mehr
als ein Jahrhundert erstreckt, entgegentritt. Und von all diesen
Denker gilt, was Goethe von Cardano gesagt hat, dass ihr Ein-
fluss auf die Erneuerung der Wissenschaft nicht minder als in ihren
positiven Beobachtungen, in ihrer persönlichen Denk- und Lehrart
wurzelt. So reizvoll indes für den Kulturhistoriker diese leben-
dige und vielseitige Mannigfaltigkeit ist, so muss doch die philo-
sophische Betrachtung von ihr zunächst absehen, um sich den
festen sachlichen Kern zu vergegenwärtigen, der hier allenthalben
zu Grunde liegt. Die starren schulmässigen Verbindungen sind
gelöst: aber dennoch ist es ein und derselbe Problemgehalt,
der in aller Arbeit der Einzelnen immer von neuem heraustritt
und immer mehr zu einheitlicher Gestaltung drängt.
A) Der Begriff des Weltorganismus.
Wie die mannigfachen Bestrebungen zur Erneuerung der
geistigen Kultur ihren Halt und ihre Zusammenfassung zuletzt
in der Florentinischen Akademie fanden, so ist auch die Natur-
betrachtung des 15ten und 16ten Jahrhunderts mit gedanklichen
Motiven des Neuplatonismus durchsetzt. In dieser gemein-
samen geschichtlichen Beziehung bekundet sich alsbald die sach-
liche Einheit, die die beiden Richtungen und Interessen zuletzt
verbindet. In der Lehre der Neuplatoniker, in der alle Gegensätze,
die das antike Denken bewegten, aufgehoben und ausgeglichen
schienen, in der Platonische und Aristotelische Gedanken sich
mischten und naivster Wunderglaube mit Elementen der stoischen