84 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc.-Dcuiolratie.
Erscheinungen offen blos. Aber die sociale Krankheit zu
heilen müssen wir der Social-Demokratie jedwede Fähigkeit
absprechen, von allem Anderen abgesehen schon aus dem
einfachen Grund, weil sie anstatt von Innen heraus, durch
Mittel, welche neues Blut und gesunde Säfte erzeugen, den
socialen Schaden zu turircn, aus rein mechanischem Weg
durch Aenderuug der bloßen Gesellschaftsform des Uebels
Herr werden zn können glaubt. Wenn die Social-Demokratie
den Egoismus an den Pranger stellt und ihn die Hauptursache
der socialen Krankheit nennt, so ist dies einer der
seltenen Fälle, da wir uns mit ihr in Uebereinstimmung
wissen. Sie Übersicht aber dabei, Laß ganz derselbe Feind,
der einem Aller Wohlergehen fördernden friedlichen Zusammenwirken
der GeseUschaftsgliedcr im Wege steht, zllm Mindesten
in gleicher Stärke in ihren eigenen Gebeinen wühlt, und
auch unter ihrem Dache seinen Thron aufgeschlagen hat.
Noch mehr aber übersieht sic, daß der Egoisnlus im Menschen
nicht in den Kleidern sitzt, die man blos zu wechseln brauchte,
um seiner los zu werden, sondern daß er mitten in der
Werkstätte des menschlichen Begehrens, Wollens und Handelns
seinen Sitz hat, und von dort ans den Menschen
dirigirt. Wird er nicht aus dem Inwendigen des Mcnschell
ausgetrieben, dann wandert er aus dem alteil zertrümmerten
Hans in das neu erbaute, aus der alten zerschlagenen Gesellschaftsform
in die neu geschaffene ganz sicherlich mit ein,
und wird hier wie dort, nachher wie vorher dieselben Zerstörungen
anrichten. Bergißt man das neue Hans auch
mit neuen Menschen zu bevölkern, dann wird es dem socialistischen
Zukunftsstaat ergehen wie einer Republik, welcher
die Republikaner fehlen.
Wir haben angenommen, daß die Social-Tcillokratie die
sociale Krankheit heilen will. Für die Gegenwart haben