102 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc.-Demokratie
erreicht, das von der „Süddtsch. Volks-Ztg." gegebene Re
sumé bürdet die große Kindersterblichkeit Württembergs aus
schließlich den Schultern des Proletariats auf und stellt sie
dar als eine Folge unserer socialen Verhältnisse, als eine
Folge der Roth. Somit hat die Social - Demokratie auf
diese Weise einen neuen Beleg gewonnen resp. fabricirt für ihr
Axiom: Die Gesellschaft trägt die Schuld an allem vor
handenen Elend.
So springt die Social-Deniokratie mit den Nothständen
um, damit sie, und darauf kommt es ihr hiebei ausschließlich
an, reichliches Kapital für den Socialismus aus denselben
schlagen kann.
Wir haben die planmäßige Uebertreibung an genug Bei
spielen illustrirt. Das Bild wird aber erst vollständig, wenn
wir auch das Verhalten der Social-Demokratie gegenüber der
für die Nothstände sich darbietenden Abhülfe prüfen.
Die sociale Frage stellt an alle Gesellschaftsklassen die
Anforderung, an der Heilung socialer Schäden in sclbstver-
leugnender und aufopfernden Weise mitzuarbeiten. Wir
sind wohl vom Ziele, von einer Lösung der socialen Frage,
um diesen landläufigen Ansdruck zu gebrauchen, noch weit
entfernt, und stehen noch vor niancher schweren Aufgabe,
deren Bewältigung in dem Maße mehr Zeit und Ge
duld in Anspruch nimmt, als sie weniger ans dem mate-
teriellen, sondern mehr auf bent geistigen Gebiet liegt,
daher ihr auch weniger durch äußere Einrichtungen und
Gesetze, als vielmehr durch Regeneration der sittlichen Be
griffe und durch Erzeugung eines neuen geistigen Kapitals
gedient ist. Doch darf nicht übersehen werden, daß die
sociale Frage sich in letzter Zeit gegen früher mehr in den
Vordergrund gestellt hat, und daß manche der von ihr
geforderten Arbeiten theils in Angriff genommen, -theils auch