Full text: Die Social-Demokratie

118 V. Der Klassenhaß und die Loc.-Demokratie. 
„Entwicklung und Kultur. Darum ist der neapolita- 
„nische Lazarone so weit zurück in der Kultur, weil er keine 
„Bedürfnisse hat, weil er zufrieden sich ausstreckt und in der 
„Sonne sich wärmt, wenn er eine Hand voll Maccaroni 
„erworben. Warum ist der russische Kosak so weit zurück 
„in der Kultur? Weil er Talglichte frißt und froh ist, wenn 
„er sich in schlechten, Fusel berauscht. Möglichst viel 
„Bedürfnisse ha ben, aber sie ans e hrlichc, anstän- 
„dige Weise befriedigen — das ist die Tugend der 
„ heutigen, der nationalökonomischen Zeit! Und so lange Ihr 
„das nicht begreift und befolgt, predige ich ganz vergeblich!" 
In diesen Sätzen ist wieder ein Körnlein Wahrheit unter 
einer dicken Hülle von Verkehrtheiten zu finden. Es ist aller 
dings wahr, daß die Kunst betteln gehen müßte, wenn der 
reiche Herr nicht das Bedürfniß hätte, seine Wände mit 
guten Oelgemälden zu schmücken; oder daß die Seidenindu 
strie ihren Betrieb einschränken rnüßte, wenn nicht die reiche 
Dame das Bedürfniß hätte, statt baumwollener seidene Klei 
der zu tragen. Ja, die äußere Kultur, die Lebensverfeinerung, 
— an eine solche scheint Lassalle ausschließlich zu denken — 
könnte keine Fortschritte ruachen, wenn der Besitzer seine 
Geldschätze vergraben würde und derselbe keine Bedürfnisse 
hätte, zu deren Befriedigung jene Schätze in Umlauf gesetzt 
werden müssen. Dabei wollen wir nicht übersehen, daß das 
Volkswohl nicht gefördert, sondern geschädigt werden müßte, 
wenn die reichen Leute ihr Geld ausschließlich in den Dienst 
einer solchen Kulturentwickelung stellen würden, welche durch 
die Steigerung und Befriedigung eigener Bedürfnisse und 
Lebensgenüsse hervorgerufen werden soll. Aber zu einer Be 
theiligung an dieser Art von Kulturentwicklung auch diejeni 
gen anzuspornen, denen es noch an den Mitteln hierzu fehlt.
	        
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