Gegenstand und Gliederung der Soziologie.
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und für alle praktischen Bestrebungen eine theoretische Grundlage gewährende Dis-
ziplin geseßt hat, können sich nicht erfüllen. Zunächst schon aus inhaltlichen Grün-
den: es ist nicht möglich, die Tatsachen z. B. der Religion oder Kunst aus der „Gesell.
schaft“ (statt aus dem Individuum) abzuleiten. Zweitens kann, wie schon angedeutet,
eine eben erst beginnende Wissenschaft sich nur langsam entwickeln — viel zu lang-
sam für die Ungeduld der Praxis. Endlich kommt eine tiefe Spannung in Betracht,
die im Wesen der Dinge begründet ist. Jede Wissenschaft hat nach ihrer Natur ihre
Eigengeseglichkeit, ihre eigenen Aufgaben und Ziele. Wohl steht sie in einem gewis-
sen Zusammenhang mit den übrigen Kulturgebieten, ebenso aber behauptet sie eine
gewisse Selbständigkeit. Sie vermag dem Leben wohl in gewissen Grenzen zu dienen
und ein solcher Zusammenhang soll gewiß auch angestrebt werden, aber ebenso gewiß
kann er gewisse Grenzen nicht überschreiten.
Literatur:
Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft, zuerst Leipzig 1886. (Verbindet eine
im Kern phänomenologische Charakteristik der Grundformen der Gesellschaft mit
geschichtsphilosophischen Ausführungen.) — Simmel, Soziologie als Lehre von den
Formen der Vergesellschaftung. Leipzig 1910. Vgl. zu diesen beiden Werken: Alta-
raz, Reine Soziologie. Berliner Diss. 1917. (Betont unter anderem die Verbindung
eines phänomenologischen Kernes mit einer Überfülle von historischen Beispielen und
Einzelausführungen in Simmels Hauptwerk, dessen Würdigung im Gegensatz zu
einer verbreiteten Auffassung vor allem jenen Kern betonen muß.) — Siegfried
Kracauer, Soziologie als Wissenschaft. Dresden 1923. (Betont den phänomenolo-
gischen Grundcharakter des Kernstückes der Soziologie.) — Simmel, Philosophie
des Geldes. Leipzig 1900. (Charakteristik des Geistes des modernen Kapitalismus im
Gegensag zu anderen Wirtschaftsformen, wobei ganz im Sinne unseres Standpunktes
auf die inneren Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den Individuen zurück-
gegriffen wird und die Wirtschaftsformen nur als Ohjektivationen lebendiger Kräfte
erscheinen.) — Alfred Vierkandt, Die Stetigkeit im Kulturwandel. Leipzig
1908. (Zergliedert in ähnlicher Weise den Mechanismus des Kulturwandels.) — Ga-
briel Tarde, Les lois de l’imitation. Paris o. J. — Mc Dougall, Social psycho-
logy. London o. J. 13. Aufl. (Die wichtigsten Gedanken der legtgenannten beiden
Bücher sind $ 5 mitgeteilt.) — Theodor Litt, Individuum und Gemeinschaft3. Leip-
zig und Berlin 1926. (Über den Grundgedanken s. $ 14, 2.) — McD ougall, The
mind of the group. London 1920. (Kurz gewürdigt $ 18, Ende.) — Durkheim, Les
formes €lementaires de la vie religieuse — le totemisme. Paris 1912. (Sucht den Tote-
mismus als Objektivation der Wechselwirkungen innerhalb der Gruppe abzuleiten;
ethnologisch nicht einwandfrei, aber mit meisterhaften soziologischen Analysen.) —
Durkheim, Die Methode der Soziologie. Leipzig 1908. (Enthält eine Art Logik
dieser Richtung; es findet das eigene Gebiet der Soziologie gegenüber anderen Sozial-
wissenschaften in der „sozialen Tatsache“, deren Wesen in rein inneren Beziehungen
der Individuen innerhalb der Gruppe erblickt wird.) — Ludwig Leopold, Das
Prestige. Berlin 1916. (Die Hauptgedanken sind vom Verfasser nur angedeutet, von
mir weiter herausgearbeitet worden in meinem Aufsag über Autorität und Prestige
in Schmollers Jahrbüchern Bd. 41, S. 1681 ff.). — Franz Oppenheimer,
Allgemeine Soziologie. (System der Soziologie I.) Jena 1922 und 1923. — Othmar
Spann. Gesellschaftslehre. Leipzig 1923. (Über den Grundgedanken s. 8 27. 6.)