Full text: Gesellschaftslehre

welt 
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40 Die sozialen*Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
ren Kulturstufen findet, ist bekannt. Der Ton des unbedingten Re- 
spektes, mit dem von ihr geredet wird, genügt allein schon, um die ratio- 
nalistische Erklärung aus der Furcht unmöglich zu machen. 
Für das eben Gesagte sei hier ein Beispiel aus C. F. Meyers Novelle „der 
Heilige“ angeführt. Dort sagt ein dienender Angelsachse von dem König, dem er 
bei der Verführung der Tochter seines Kanzlers durch seine Passivität indirekten 
Beistand geleistet hat, in einer Stimmung verspäteter Reue: „Hätte ich doch dem 
Teufel widerstanden ..., aber woher den Mut nehmen, mich der höchsten Gewalt 
zu widersegen! Verwirrender Schrecken wandelt vor deinem Könige her! Fluch über 
die Stunde meiner Geburt! Alles, selbst die Kenntnis des Guten und Bösen, haben 
uns diese Normannen geraubt!“ (S.79.) Die Herrschaft des Königs, das ersieht man 
aus diesen Worten, ist vor allem eine Herrschaft über Seelen. Ähnlich sagt später 
der Kanzler zu dem König: „Du kennst meine unvollkommene Natur und mein zur 
Erniedrigung der Dienstbarkeit geschaffenes Wesen. Sei es frühe Gewohnheit des 
Herrendienstes, sei es die Eigenschaft meines Stammes und Blutes, ich kann dem 
gesalbten Haupte und den hohen Brauen der Könige keinen Widerstand leisten“ 
(S. 116). — Diese Proben sollen zugleich darauf aufmerksam machen, daß unsere 
Dichtung überhaupt für die phänomenologische Erforschung der sozialen Grund- 
+atsachen wertvolle Dienste zu leisten vermag. 
Aus der geschichtlichen Welt erwähnen wir als Beispiel noch den Eindruck, den 
von der Marwig als fünf- oder sechsjähriger Knabe bei einer zufälligen Begegnung 
von Friedrich dem Großen empfing: „Ich dachte immer, er würde mich anreden. 
Ich fürchtete mich gar nicht, ich hatte aber ein unbeschreibliches Gefühl von Ehr- 
furcht.“ („F. A. L. v. d. Marwig“ I, 24. Vgl. auch ebenda S.28 die bekannte Schilde- 
rung von Friedrichs Besuch bei seiner Schwester und dem Verhalten der Zuschauer 
dabei.) 
Zur Unterscheidung von der Furcht sei auch auf den Zustand der 
Schüchternheit verwiesen, der mit einem früheren Beispiel be- 
reits gestreift wurde. Der Schüchterne kann selbst in den einfachsten 
Dingen keine Initiative ergreifen, keine selbständige Meinung vertreten, 
nicht widersprechen, keinen Vorschlag machen und keinen eigenen Willen 
durchsegen. Er vermag also aus dem Zustande der Unterordnung nicht 
herauszutreten. Einem Menschen, dem man diese Schüchternheit an- 
sieht, kann man manchmal aber zugleich anmerken, daß er sich in dem 
Kreise, dem gegenüber er diese Eigenschaft zeigt, gleichzeitig recht be- 
haglich fühlt: ein Beweis, daß dieser Zustand mit der Furcht nichts zu 
ton hat, auch nicht mit der Furcht vor üblen Folgen, die sich durch eine 
gewisse Ängstlichkeit oder Gespanntheit bekunden würde. Wohl kann 
man sprechen von einer Furcht anzustoßen; aber diese bedeutet wieder 
nur ein inneres Verhältnis. Vorhanden ist ein Gefühl der eigenen Un- 
terlegenheit, das sich aber nicht mit der Furcht verbindet, sondern ledig- 
lich mit dem Trieb, sich dem Starken uneingeschränkt zu fügen; woraus 
sich für ihn die innere Unmöglichkeit ergibt, auch nur versuchsweise und 
vorübergehend die Rollen einmal zu vertauschen und selbst den Führer 
zu spielen. Schon Darwin hat übrigens das Wesen der Schüchternheit
	        
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