72 Viertes Kapitel. Das griechische Wirtschaftssystem.
zusammengefaßt wurde. Da ihre Abgrenzung unabhängig von
der Abgrenzung des Begriffs der banausischen Tätigkeit erfolgte,
gab es viele Tätigkeiten, die in keiner der beiden Gruppen unter
gebracht waren. Daß die Abneigung, ein Handwerk zu betreiben,
mit der Kulturstufe zusammenhänge, war schon Herodot aufgefallen,
der die analoge Erscheinung bei den verschiedensten Völkern, so
den Persern, Szytben und den Ägyptern antraf und in diesem
Falle nicht wie sonst die Abhängigkeit der Griechen von den
Ägyptern annehmen konnte. Unter den Griechen wieder war die
Abneigung am stärksten bei den eine Kriegeraristokratie von Grund
besitzern darstellenden Lazedämoniern, während sie am wenigsten
bei den Industrie und Handel treibenden Korinthern anzutreffen
war (Herodot II, 167). Wir finden daher auch die Verachtung
des Handwerks bei denjenigen Autoren vertreten, die Neigung
für eine mehr oder weniger exklusive Aristokratie zeigten und die
Verfassung der Landwirtschaft treibenden Lazedämonier im all
gemeinen schätzten, wie z. B. Xenophon, Plato und Aristoteles.
Aus diesen drei Autoren stammen denn auch die meisten Stellen,
welche beweisen sollen, daß die allgemeine Meinung bei den
Griechen das Handwerk verachtete. Anfangs war der industrielle
Unternehmer in den Kreisen, welche das Banausentum verachteten,
ebenso verachtet wie die Handwerker, allmählich aber bildeten die
Besitzenden eine eigene Klasse, die mit dem alten Adel wetteiferte.
Die Stellung der Sklaven änderte sich weiterhin in der Weise,
welche wir oben andeuteten. In den Handels- und Industriestaaten
wurden immer mehr Sklaven als Arbeitskräfte verwendet (Äschines,
Gegen Timarchos 40), wobei freilich Großbetriebe in modernem
Sinne nicht bestanden und eine Fabrik mit 50 Sklaven und dar
über wohl nicht mehr gewöhnlich war; mehr als 10 mal so groß
dürften kaum die größten Betriebe gewesen sein. Das hing zum Teil
damit zusammen, daß keine Maschinen vorhanden waren und die
Sklavenbetriebe daher mit weit geringerer Arbeitsteilung arbeiteten
als die modernen Betriebe. Während wir Fälle kennen, wo ein
Objekt durch hundert Gruppen von Handgriffen hergestellt wird,
haben in der Antike die einzelnen Arbeiter meist größere Gruppen
von Handgriffen als Individuum übernehmen müssen, so daß oft
nur eine Art Nebeneinander vieler Handwerker herauskam, die
mit ihren Gehilfen arbeiteten, nur daß die ganze Gruppe einem
Herrn gehörte. Die Ausdehnung der Handels- und Verwaltungs
tätigkeit in dieser Epoche trug dazu bei, die Sklaven in steigendem