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II.
Als Vorbedingung für einen lebhaft entwickelten Verkehr ist in
erster Linie zu nennen: das Vorhandensein eines Austausches möglichst verschiedener,
sogar heterogener Bedarfs-Artikel zwischen den Verkehrsplätzen, beziehentlich zwischen
den Verkehrsgebieten, und ein starker Bedarf an den ihnen gegenseitig fehlenden
Artikeln. Handel und Verkehr basiren ja darauf, dass man nach einem Orte das
hintransportirt, was dort fehlt, und dass man wegiührt, was im Ueberfluss vorhanden
ist. Je stärker nun diese Gegensätze sind, desto lebhafter wird der Austausch sein.
Selbstverständlich ist hierbei, dass an den Endpunkten der neuen Verkehrslinie, oder
noch besser: längs der ganzen Canalstrecke eine grosse Anzahl von Verbrauchern, also
eine starke Bevölkerung vorhanden sein muss.
Die markirtesten Gegensätze in ihren Producten finden sich zwischen dem Gebirge
und der Ebene, sodann zwischen dem Land und der See; in Folge dessen auch der
lebhafteste Austausch der von einander sehr abweichenden Producte.
Diese Wahrnehmungen auf den Elb-Spree-Canal angewendet, bieten gerade die
Bezirke, richtiger noch die Endpuncte, welche der Elb-Spree-Canal verbinden soll,
die bemerkenswerthesten Gegensätze in ihrer Production und demnach die wechsel
seitigsten Beziehungen zwischen dem Gebirge in Sachsen und der Ebene in der Mark
Brandenburg. Kein Gebirge liegt Berlin so nahe, wie das gebirgige Sachsen; selbst
der übrigens räumlich nicht sehr ausgedehnte Harz liegt etwas weiter entfernt.
Ungleich länger ist der Weg von Berlin bis nach dem Riesengebirge und Thüringen,
von anderen Gebirgen nicht zu reden. Der Elb-Spree-Canal wird und soll berufen
sein, auf dem kürzesten Wege und noch dazu durch den billigen Wassertransport,
einerseits der Ebene, andererseits dem aufsteigenden sächsischen Hochlande bis zum
Erzgebirge und bis nach Böhmen hinein Gelegenheit zu geben, ihre Producte auszu
tauschen, in ihrem gegenseitigen Bezug und Versand sich wirthschaftlich zu ergänzen.
In Kürze und auch nur andeutungsweise sollen einige dieser bemerkenswerthesten
Gegensätze angeführt werden. — Die mannichfachen Erzeugnisse des Bergbaus, z. B.
Kohlen, die um Berlin ganz fehlen, finden wir in Böhmen in der nahezu unerschöpf
lichen Menge von böhmischen Braunkohlen, in Sachsen in den Steinkohlen von Zwickau,
Lugau, Oelsnitz. — Die Mark, arm an Steinen jeder Art, insonderheit an solchen
plutonischen Ursprungs, arm an Pfiastersteinen, arm an Chaussee-Baumaterial, kann
ihren Bedarf decken durch den Ueberfluss der sächsischen Sandsteine, der böhmischen
Basalte, der Granite, Granulite, Porphyre der sächsischen Elbbezirke. — Der Sand
boden der Mark ist wenig fruchtbar, aber trotzdem vorzüglich geeignet für den Kartofiel-
bau, an den sich für Spiritus eine stark entwickelte Production anschliesst. Hierin
ist die Mark selbst dem fruchtbareren Sachsen und Böhmen voraus. Der Sandboden
eignet sich ferner für die zwar langsam wachsende, aber sehr geschätzte Kiefer, die
bis tief hinein nach Sachsen ihren Absatz findet, selbst für Getreide, von dem Sachsen
trotz seiner hochentwickelten Landwirthschaft den eigenen Bedarf nicht zu decken vermag.
Auch das Heu der humusreicheren Niederungen kommt in Betracht. Die Mark hat
reiche Salzlager, die in Sachsen ganz und gar fehlen. — Je mehr man sich hinwiederum
der sächsischen Grenze nähert, desto besser wird der Boden, desto geeigneter für den
Bau von Oelsaaten, Hülsenfrüchten, Flachs, Handelsgewächsen aller Art, die, je höher
man im Erzgebirge aufsteigt, durch die dem Gebirgslande eigenthümlichen Erzeugnisse
des Waldbaues, der Grasnutzungen und der Viehzucht ersetzt werden. — Der Canal
soll ferner den grössten Industrieplatz des deutschen Reichs, Berlin, mit Sachsen ver
binden, das wiederum in Deutschland zu den am stärksten entwickelten Industrie
bezirken gehört, sodann mit Böhmen, das unter den Ländern der österreichischen Krone