Object: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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hältnissen Besitzungen von mehr als 5000 ha als Latifundien bezeich- 
nen, so ist das natürlich willkürlich und nur cum grano salis aufzu- 
nehmen, um eine ungefähre Grenze, die aber wohl eher zu hoch als 
zu niedrig angenommen ist, aufzustellen. 
Die Geschichte zeigt, dass bisher fast eine jede Kulturepoche zur 
Latifundienbildung führte, und man hat daraus geschlossen, dass auch 
unsere Zeit dieser selben Entwicklung entgegengehe. Namentlich ver- 
treten Sozialisten wie Karl Marx und Kautzky diese Auffassung. Sie 
ist aber unzweifelhaft sehr falsch. 
Im Altertum sehen wir in den verschiedenen Ländern, welche 
die Hauptträger der Kultur waren, sich Latifundienbesitz herausstellen; 
besonders in dem alten Rom, wo nicht nur einzelne der leitenden 
Staatsmänner sich in den Provinzen kolossale Flächen Landes anzueig- 
nen vermochten, sondern auch in Italien selbst, wo die Bauern ihr 
Land an einzelne Grosse verkauften, um sich in Rom auf öffentliche 
Kosten unterhalten zu lassen und ihr Bürgerrecht zu verwerten. Alle 
Bemühungen der Regierung dureh Landverteilung an die alten Soldater 
ein Gegengewicht zu liefern, war vergebens. Dadurch sah sich Plinius 
zu dem bekannten Satze veranlasst: „Latifundia perdidere Italiam.“ 
Ganz ähnlich gestalteten sich die Verhältnisse im Mittelalter in 
Spanien, in einem grossen Teile von Italien, aber auch von Deutsch- 
land und Frankreich. Ein wachsender Teil des Landes ging in die 
sogenannte tote Hand über, das heisst, gelangte in die Gewalt der 
Fürsten, der Kirche und des hohen Adels, welche von dem nichts 
wieder herausgaben, was sie einmal erlangt hatten und durch gesetz- 
liche und. statutarische Bestimmungen die Verkleinerung des Besitzes 
zu verhindern wussten, 
Eine solche Latifundienbildung hat sich ferner in den letzten 
Jahrhunderten in England vollzogen. Dort trugen hierzu ganz be- 
sondere Umstände bei, die einer näheren Beleuchtung bedürfen. Der 
Staatsbesitz war dort durch die "Tudors, noch mehr durch die Stuarts 
verschleudert. Die Kirche war ihres Besitztums. schon durch Hein- 
rich VIII. beraubt, so dass diese beiden Vertreter der toten Hand hier 
nicht in Betracht kommen, weshalb noch Anfang des 17. Jahrhunderts 
Latifundien im Uebermasse in England nicht gefunden wurden. Mit dem 
Aufblühen von Handel und Industrie, die reichen Gewinn versprachen, 
strebten die Bauern in grosser Ausdehnung in die Stadt und waren 
leicht zum Verkauf ihrer Besitzungen zu bewegen. Da politische Macht 
in England bekanntlich bis in die neueste Zeit nur durch Grundbesitz zu er- 
langen war, und durch grössere Ausdehnung desselben gesteigert werden 
konnte, so strebte die Aristokratie mit allen Mitteln vor allem mehr Grund- 
eigentum zu erwerben und denselben dauernd in der Familie fest zu legen, was 
durch die englische Erbgesetzgebung in ausserordentlicher Weise erleich- 
tert wurde, worauf wir noch zurück zu kommen haben werden. Dazu 
kam schliesslich, dass auf jedem Besitzwechsel eine ausserordentlich 
hohe Steuer lastete, welche dem Unbemittelten die Erwerbung von 
Grund und Boden übermässig erschwerte. Alle diese Momente wirk- 
ten zusammen, um das Land in die Hand verhältnismässig. wenigeı 
Familien zu bringen, welche teils durch ihr Alter, teils durch ausser- 
ordentlichen Reichtum, oder durch beides vereint hierzu in der Lage 
waren. Je mehr aber die Nachfrage nach Grund und Boden auf diese 
Rom. 
Mittelalter, 
England.
	        
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