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hältnissen Besitzungen von mehr als 5000 ha als Latifundien bezeich-
nen, so ist das natürlich willkürlich und nur cum grano salis aufzu-
nehmen, um eine ungefähre Grenze, die aber wohl eher zu hoch als
zu niedrig angenommen ist, aufzustellen.
Die Geschichte zeigt, dass bisher fast eine jede Kulturepoche zur
Latifundienbildung führte, und man hat daraus geschlossen, dass auch
unsere Zeit dieser selben Entwicklung entgegengehe. Namentlich ver-
treten Sozialisten wie Karl Marx und Kautzky diese Auffassung. Sie
ist aber unzweifelhaft sehr falsch.
Im Altertum sehen wir in den verschiedenen Ländern, welche
die Hauptträger der Kultur waren, sich Latifundienbesitz herausstellen;
besonders in dem alten Rom, wo nicht nur einzelne der leitenden
Staatsmänner sich in den Provinzen kolossale Flächen Landes anzueig-
nen vermochten, sondern auch in Italien selbst, wo die Bauern ihr
Land an einzelne Grosse verkauften, um sich in Rom auf öffentliche
Kosten unterhalten zu lassen und ihr Bürgerrecht zu verwerten. Alle
Bemühungen der Regierung dureh Landverteilung an die alten Soldater
ein Gegengewicht zu liefern, war vergebens. Dadurch sah sich Plinius
zu dem bekannten Satze veranlasst: „Latifundia perdidere Italiam.“
Ganz ähnlich gestalteten sich die Verhältnisse im Mittelalter in
Spanien, in einem grossen Teile von Italien, aber auch von Deutsch-
land und Frankreich. Ein wachsender Teil des Landes ging in die
sogenannte tote Hand über, das heisst, gelangte in die Gewalt der
Fürsten, der Kirche und des hohen Adels, welche von dem nichts
wieder herausgaben, was sie einmal erlangt hatten und durch gesetz-
liche und. statutarische Bestimmungen die Verkleinerung des Besitzes
zu verhindern wussten,
Eine solche Latifundienbildung hat sich ferner in den letzten
Jahrhunderten in England vollzogen. Dort trugen hierzu ganz be-
sondere Umstände bei, die einer näheren Beleuchtung bedürfen. Der
Staatsbesitz war dort durch die "Tudors, noch mehr durch die Stuarts
verschleudert. Die Kirche war ihres Besitztums. schon durch Hein-
rich VIII. beraubt, so dass diese beiden Vertreter der toten Hand hier
nicht in Betracht kommen, weshalb noch Anfang des 17. Jahrhunderts
Latifundien im Uebermasse in England nicht gefunden wurden. Mit dem
Aufblühen von Handel und Industrie, die reichen Gewinn versprachen,
strebten die Bauern in grosser Ausdehnung in die Stadt und waren
leicht zum Verkauf ihrer Besitzungen zu bewegen. Da politische Macht
in England bekanntlich bis in die neueste Zeit nur durch Grundbesitz zu er-
langen war, und durch grössere Ausdehnung desselben gesteigert werden
konnte, so strebte die Aristokratie mit allen Mitteln vor allem mehr Grund-
eigentum zu erwerben und denselben dauernd in der Familie fest zu legen, was
durch die englische Erbgesetzgebung in ausserordentlicher Weise erleich-
tert wurde, worauf wir noch zurück zu kommen haben werden. Dazu
kam schliesslich, dass auf jedem Besitzwechsel eine ausserordentlich
hohe Steuer lastete, welche dem Unbemittelten die Erwerbung von
Grund und Boden übermässig erschwerte. Alle diese Momente wirk-
ten zusammen, um das Land in die Hand verhältnismässig. wenigeı
Familien zu bringen, welche teils durch ihr Alter, teils durch ausser-
ordentlichen Reichtum, oder durch beides vereint hierzu in der Lage
waren. Je mehr aber die Nachfrage nach Grund und Boden auf diese
Rom.
Mittelalter,
England.