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blieb das Volk noch deutsch bis heute, hielt in seinen Kolonien
und im Verkehr unter sich zähe fest an deutscher Sprache und
Sitte, geduldig harrend des Tages, da man in der alten
Heimath die Schranken forträume, welche auf die Dauer das
brasilianische Deutschthnm verkümmern lassen. Während in
einem Zeitraum von 1824 bis heute die deutsch redende Be
völkerung es nur auf eine Zahl gebracht hat, die schwankend
von 80 bis 100,000 angegeben wird und die sich seit der Ende
der fünfziger Jahre eingetretenen Erschwerung der Einwanderung
doch fast ausschließlich schon aus im Lande geborenen Nach-
kommen der ersten Immigranten zusammensetzt, besteht der
italienische Theil der Bevölkerung, welcher erst seit Mitte
der siebenziger Jahre als kolonisirender Faktor in der Provinz
Rio Grande auftaucht, jetzt schon aus mehr als 40.000 Köpfen,
vermehrt sich alljährlich durch regen Zuzug, um-
spannt die deutschen Koloniezentren und rückt ihnen beängstigend
immer näher." Darin sind sämmtliche Reisende, sämmtliche
Kenner der Verhältnisse Südbrasiliens einig, daß wenn ir
gendwo, so hier die Keime vorhanden sind, aus welchen sich ein
herrliches Nendeutschland jenseits der Meere zu entwickeln ver
möchte, daß diese Keime jedoch der Nachhülfe und der sorg
fältigsten Pflege dringend bedürftig sind. wenn sie nicht vor
zeitig der Zerstörung preisgegeben werden sollen. Tie beiden
hauptsächlichsten Gefahren, welche das Deutschthnm in Süd
brasilien bedrohen, sind erstens die von Herrn S o y a u x er
wähnte Ueberhandnahme des italienischen Elements, zweitens
eine immer mehr sich breit machende nativistische, deutschfeind
liche Strömung unter den Lusobrasilianern, welche an das
Knownothingthum in Nordamerika erinnert. Erfreulicher Weise
bringt das Verständniß für die ungeheure nationale und wirth-