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in den vlämischen Provinzen eine mächtige nationale Bewegung
zum Schutze heimischer Sprache und Art. Von den Führern
dieser Bewegung seien vor Allen genannt: I. F- Willems
aus Gent, Hendrik Conscience und der Lyriker Emanuel
Hiel. Die Bewegung führte im Jahre 1868 zur Gründung
eines sich bald über den vlämischen Theil Belgiens ausbreiten-
den Vereins, welcher sich die Pflege und Erhaltung der Mut
tersprache zur Aufgabe stellte, des dem erwähnten I. F. Willems
zu Ehren benannten „Willems-Fonds." Erst als nach den
deutschen Siegen in Frankreich die Wallonen ihren Rückhalt an
dem mächtigen Kaiserreiche Napoleons III. verloren hatten,
konnten die Flamländer einige wenige ihrer wahlberechtigten
Forderungen durchsetzen. Die vlämische Sprache nimmt jedoch
noch lange nicht die ihr in Belgien gebührende Stelle ein.
Es darf uns Deutschen keineswegs gleichgültig sein, ob in
dem Nachbarstaate Belgien, welcher sowohl in wirthschaftlicher
wie in militärischer Beziehung für uns von der größten Be-
deutung ist, die uns durchaus feindlich gesinnten Franzosen
oder die schon durch den Gegensatz zu diesen auf uns ange-
wiesenen Flamländer die Oberhand haben. Ganz abgesehen
davon, daß schon das natürliche Gefühl in dem Kampfe zwischen
Flamländern und Wallonen uns die Partei ersterer ergreifen
heißt, würden sehr nahe liegende politische Gründe es empfehlen,
dem Willems-Fonds auch in Deutschland die kräftigste Unter-
stützung angcdeihen zu lasien. Mögen auch manche Vlämcn
eine gewisie Abneigung gegen das Teutschthum empfinden, zu
welcher jedenfalls der unglückselige religiöse Zwiespalt — der
Flamländer ist im Allgemeinen streng katholisch — und der
leidige „Kulturkampf" ihr Theil beigetragen haben, so besitzen
wir doch ohne Zweifel sehr viele und sehr einflußreiche Freunde