Full text : Schutz dem Arbeiter!

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acht  bis  zehn  Wochen  unterwegs  waren,  wurde  vou  Freunden  der  Sonntagsruhe  folgende
Wette  mit  Gegnern  derselben  eingegangen.  Zwei  Fuhrleute  mit  gleichem  Wagen,  gleicht
Last  und  Bespannung  sollten  eines  Montags  Morgens  dieselbe  Reise  antreten,  der  Sonntagsfreund
  mit  seinem  Gespann  jeden  Sonntag  Ruhe  halten,  der  Andere  auch  Sonntags
fahren.
„Was  war  das  Ergebniß?
„Da  mit  Frachtfuhrwerk  überhaupt  nur  täglich  bestimmte  Touren,  bis  zum  bestimmten ­
  Wirthshause  gemacht  werden  können,  so  kam  der  Gegner  am  ersten  Sonntage ­
  drei  bis  vier  Meilen  weiier  als  der  Andere  u.  s.  f.  In  der  sechsten  Woch^
jedoch  gewann  dieser  den  Vorsprung  und  erreichte  mit  seinen  wohlgepflegten
Pferden  rechtzeitig  das  Ziel,  während  die  Thiere  des  Gegners,  abgetrieben  und  kraftlos,
verspätet  eintrafen.
„Bei  der  Explosion  des  Kessels  auf  einem  Dampfschiff  der  Themse  erklärten  die  zn^
Verantwortung  gezogenen  Maschinenarbeiter,  die  Schuld  liege  an  ihrem  Sonntagsarbeiten,
indem  die  unausgesetzte,  ruhelose  Arbeit  stumpf  und  mißvergnügt  mache.  Ähnliches ­
  ergab  die  Verhandlung  mit  jenen  2000  englischen  Arbeitern  im  Jahre  1848,  welche
mehrere  Jahre  lang  Sonn-  und  Werktags  arbeiten  mußten  und  dafür  nicht  bloß  sieben-,
sondern  achttägigen  Lohn  erhielten.  Die  unter  ihnen  um  sich  greifende  Entsittlichung
und  Erschöpfung  ihrer  Arbeitskraft  brachte  es  aber  dahin,  daß  schließlich  alles  schlecht
und  rückwärts  ging.  Das  Gericht  beschränkte  die  Arbeitszeit  auf  sechs  Wochen*
tage  und  bald  stellte  sich  heraus,  daß  in  dieser  Zeit  mehr  und  bessere  Arbeit  geliefert
wurde  als  vorher  bei  vollem  Wochenverdienst."

Interessant  ist,  was  Or.  Niemeyer  über  den  Zusammenh  an  g  vo»
Sonntagsruhe  und  „blauem  M  o  n  t  a  g  "  ausführt  :
„Überarbeitung  ruinirt  nicht  bloß  unmittelbar  den  Körper,  sondern  in  weiterer  Fo^
verleitet  sie  »sortzeugend  Böses  müssend  gebären«,  ihr  Opfer,  das  sie  allmälig  auch  moralisch ­
  herunterbringt,  zu  weitern  Gesundheitswidrigkeiten  in  den  LebenSgcwohnheiten,
namentlich  zur  Trunksucht.  Wenn  der  Gedankenlose  schnell  fertig  ist  mit  dem  Worte,
der  Arbeiter  sei  nun  ein  Mal  geborener  Trunkenbold,  so  erkennt  die  tiefer  blickende  Ģs'
sundheitslchre  im  Verlangen  nach  Alkoholgenuß  einen  instinetiv,  wenn  zwar  nur  durch
krankhafte  Stimmung  kes  Augenblicks  berechtigten  Trieb;  der  durch  Ueb  erar  bei  tunñ
abgespannte,  ausgetrocknete  Körper  verlangt  nach  künstlicher  Weckung
der  ermatteten  L  e  b  e  n  s  g  e  i  st  e  r  ;  ein  Zug  aus  der  Schnapsflasche  oder  de>»
Bierglase  und  der  lechzende  Gaumen  fühlt  sich  angefeuchtet,  die  erlahmende  Herzpunķ
arbeitet  wieder  flotter,  der  Puls  geht  williger,  die  Muskulatur  fühlt  neue  Spannkraft,
kurz:  die  Maschine  arbeitet  vorläufig  mit  frischer  Feuerung  —  ob  sie  damit  nicht
etwa  über  ihre  Atmosphären  geheizt  wird  und  der  Kessel  zu  zerspringen  Gefahr  läuft,
solche  Ueberlegung  kann  abgestumpftem,  kurzsichtigem  Arbeitersinne  nicht  zugemuthet  werden-Unbezähmbar
  bleibt  ihm  darum  auch  der  Bierdurst  nach  Ablauf  einer  mit  Ueberarbeitung
hingebrachten  und  nun  die  Tasche  mit  klingender  Münze  füllenden  Woche.  Der  auf  ben
letzten  Rest  abgespannte,  auf  den  letzten  Tropfen  ausgetrocknete  Körper  gleicht  einem  Fa  ir
ohne  Boden,  die  abgestumpfte  Seele  verlangt  nach  einer  Orgie  wilder  Lust,  flieht  dl'-Enge
  des  häuslichen  Herdes,  der  jähe  Wechsel  vom  Sinnestaumel  galvanisirt  dn
in  der  Tretmühle  cingeschlummerte  Nervenfaser,  das  Bestialische  der  Menschennatur  enthub
sich  ohne  Scham  —  das  in  die  Entstehungsgeschichte  jenes  von  allen
t  e  i  e  n  verabscheuten  blauen  Montags;  die  Natur  nimmt  R  a  ch  e  an  der  ş
angethanen  Vergewaltigung,  an  der  Versagung  der  Sonntagsruhe."
Sonntagsruhe  vom  hygienischen  Standpunkte."  Heidelberg  1880.  S.  10  ff.)
            
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