Die Spätromantik.
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Und Erd' und Himmel haben keine Scheide,
In eins gefallen sind die nebelgrauen,
Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen,
Und mein und dein vergessen, traurig beide.
Konnte einer solchen Beanlagung, und umfaßte sie die Natur
noch so innig und warm, eine Katastrophe erspart bleiben?
Weil' auf mir, du dunkles Auge,
übe deine ganze Macht,
Ernste, milde, träumerische,
Unergründlich süße Nacht!
Nimm mit deinem Zauberdunkel
Diese Welt von hinnen mir,
Daß du über meinem Leben
Einsam schwebest für und für. —
Aus wie anderem Stoffe war da die Annette Droste
geschaffen! Auch ihr Schicksal floß melancholisch dahin; hoff—
nungslos hat sie geliebt. Aber ihr Leben war heiter.
Denn, wie trotzig sich die Düne
Mag am flachen Strande heben,
Fühl ich stark mich, wie ein Hüne,
Von Zerfallendem umageben.
Und was ihr zerfiel, war, bei allem Eingeborensein in das
Leben des westfälischen Adels und in katholische Frömmigkeit,
dennoch die Romantik. Nicht als ob sie sich dessen bewußt ge—
wesen wäre. Starke Elemente selbst der Frühromantik pulsen
in ihr gelegentlich nach; verwandt mußte sie sich in ihrem
Pathos Männern wie Görres fühlen. Aber die tiefe Durch—
dringung von Natur und Geist wies sie vorwärts, diese weit⸗
aus größte Dichterin unseres Volkes; und während sie in
dennoch weiblichem Konservatismus an Inhalten hing, die eben
jetzt zur Vergangenheit wurden, streckte sich ihre poetische Witte—
rung vorwärts in noch ungeborene Zeiten. Und das Herbe,
recht eigentlich auch Jungfräuliche, das ihrer Dichtung damit
anhaftet, bildet nicht selten einen fremdartig wirkenden Gegen—
satz zum romantischen Stoffe.