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des Standpunktes, sondern unseres Erachtens ebenso sehr in der Unrichtigkeit der
Beurtheilung der Arbeiterbewegung und — der Fragestellung; sonst würde sie
auch vom Standpunkte des Arbeitgebers aus zu einer solch absolut ab
weichend eil Stellung nicht gekommen sein.
Dr. von Schulze-Gaevernitz erblickt (mit Schönberg) in den Ge
werkvereinen „die erste absolute Voraussetzung für die Re alisi run g
der berechtigten Ansprüche der Arbeiterklasse", wie auch für den
socialen Frieden. Den Gewerkvereinen schreibt er das Verdienst zu: die
englische Chartistenbewegung, welche ähnliche Ziele wie unsere Socialde
mokratie verfolgte, in friedliche Bahnen gelenkt zu haben, wie anderseits
»die dortige Entwickelung beweise", das; der Uebergang zum Industrie system
»zwar mit großen Schwierigkeiten und Krisen verbunden ist, daß es
aber, wenn es einmal die Kinderjahre hinter sich hat, durchaus nicht
zu der physischen und intellectnellen Entartung des Volkes führt,
wie Viele bei uns zu fürchten scheinen."
Auch „England besaß," so führt Dr. von Schulze-Gaevernitz in der Einleitung aus,
„seine socialrevolutionäre Partei in der ersten Hälfte des Jahrhunderts; dieselbe war
stärker und gefährlicher als ihre continentalen Nachfolgerinnen. England befindet sich
heute in einem Zustande des socialen Friedens. Nicht als ob es dort keine Verbrecher
und Fanatiker gäbe, keine arbeitslosen und arbeitsscheuen Massen, die nur die Hand des
Strafrichters oder vielmehr die hinter ihm stehende Militärgewalt davon zurückhielte, sich
auf die bestehende Gesellschaft loszustürzen. Der Unterschied ist vielmehr folgender: in
England gibt es nicht eine breite Berufsklasse der Bevölkerung, Tausende
arbeitender Familienväter, die, an dem heutigen Gesellschaftsznstand
berzweife l nd, allein vom gewaltsamen Umsturz Rettung erwarten. Hierin
steht England heute allein unter den europäischen Nationen da. Gerade der beste
Und intelligenteste Arbeiter ist in E n g l a n d völlig gesetzlich gesinnt und im Fall
eines revolutionären Ausbruches in der Hauptstadt würde er nicht nur sich nicht betheiligen,
sondern geradezu die Stütze des Gesetzes und der Ordnung sein."
Der Verfasser unterscheidet, im Wesentlichen in Uebereinstimmung mit L. Brentano,
brei Perioden. Die erste nennt er die vornehmlich durch die Chartisten vertretene social
revolutionäre, die Periode, in der die Gesellschaft in „zwei Nationen" zerfiel, die durch
Haß und Feindschaft getrennt waren, in welcher der Arbeitgeber dein Arbeiter nur als
Käufer der Arbeit zu billigstem Preise gegenübertrat, und im Arbeiter die
berzweiflungsvolle Ansicht von der durch die bestehende Gesellschaftsordnung bedingten
Anturnotl,Wendigkeit seines Elends gleichsam als ein Dogma obwaltete.
Die zweite Periode wird durch die Bildung der Gewerkvereine eingeleitet und
gekennzeichnet. Sie verfolgten bei ihrer Entstehung in erster Linie den Zweck, Ausstände
(Strikes) zu organisiren, um durch Zurückhaltung des Angebots ihrer Waare
— der Arbeit — auf Erhöhung des Marktpreises derselben einzuwirken.
Hierdurch ward bereits tut Princip der Abfall von rein revolutionären Anschauungen ein
geleitet, indent ein Arbeiter, der auf Mittel sinnt, bessere Arbeitsbedingungen zu erzwingen,
sehr bald merkt, „daß die Znkunftsträumc des Revolutionärs seinen Kochtopf nicht füllen".
Dieser theoretische Abfall von der Revolution, in welchem die bis in die Gegenwart fort
dauernde Gegnerschaft der englischen Socialdemokratie und der Gewerkvereine begründet
liegt, führte indeß in dieser zweiten Periode noch zu keiner Annäherung zwischen Arbeitern
und Arbeitgebern; es entbrannte umgekehrt ein Jahrzehnte hindurch andauernder
Dl achtstreit, der die geselligen und wirthschaftlichen Zustände bis in ihre Grundfesten