Full text : Schutz dem Arbeiter!

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mehr  nicht  allein  eine  Pflicht  der  Menschenliebe,  sondern  auch
der  staatserhaltenden  Weisheit,  welcher  es  obliegt,  für  das  Wohl
aller  Bürger  zu  sorgen  und  gleichzeitig  das  unschätzbare  Gut  einer
Jahrhunderte  alten  Civilisation  zu  erhalten.  Alleeuropaischen
Staaten  befinden  sich  angesichts  dieser  Aufgabe  in  derselben  oder  in
ähnlicher  Lage;  diese  Gleichartigkeit  allein  rechtfertigt  den  Versuch,
unter  den  Regierungen  eine  Verständigung  herbeizuführen,  um  den
gemeinschaftlichen  Gefahren  durch  vorbeugende  Maßnahmen  gemeinsam ­
  zu  begegnen."  Mit  diesen  Worten  eröffnete  der  preußische
Haudelsminister  Herr  Freiherr  von  Berlepsch  am  15.  März  1890
die  Cvnferenz  —  sie  gaben  den  ganzen  Verhandlungen  das  Gepräge.
Alle  Theilnehmer  waren  einig  in  dem  ernsten  Streben,  zu  positiven  Er-„Uebrigens
  wird  es  Ew.  Majestät  nicht  entgangen  sein,  daß  die  glückliche  Lösung
einer  so  bedeutungsvollen  Frage/  abgesehen  von  dem  weisen  Eingreifen  der  bürgerlichen
Gewalt,  auch  der  mächtigen  Beihülfe  der  Religion  und  der  wohlthätigen  Action  der  Kirche
bedarf.  Das  religiöse  Gefühl  ist  ja  allein  geeignet,  den  Gesetzen  ihre  volle  Wirksamkeit
zu  sichern,  und  das  Evangelium  ist  das  einzige  Gesetzbuch,  in  welchem  die  Grundsätze  der
wahren  Gerechtigkeit  und  der  gegenseitigen  Liebe  sich  aufgezeichnet  finden,  welche  alle  Menschen ­
  als  Kinder  desselben  Vaters  und  Glieder  der  gleichen  Familie  vereinigen  soll.  Die
Religion  wird  also  den  Arbeitgeber  lehren,  im  Arbeiter  die  Menschenwürde  zu  achten,  ihn
gerecht  und  billig  zu  behandeln;  sie  wird  dem  Gewissen  des  Arbeiters  das  Gefühl  der
Pflicht  und  Treue  einprägen  und  ihn  sittlich,  nüchtern  und  ehrenhaft  machen.  Weil  die
Gesellschaft  die  religiösen  Grundsätze  aus  dem  Auge  verloren,  vernachlässigt  und  verkannt ­
  hat,  sieht  sie  sich  bis  in  ihre  Grundlagen  erschüttert;  diese  Grundsätze  wieder  zum
Bewußtsein  bringen  und  in  Kraft  setzen,  das  ist  das  einzige  Mittel,  die  Grundlagen
der  Gesellschaft  wieder  herzustellen,  ihr  Frieden,  Ordnung  und  Wohlfahrt  zu  verbürgen.
„Nun  ist  es  der  Beruf  der  Kirche,  diese  Grundsätze  und  Lehren  zu  predigen  und  in
der  ganzen  Welt  zu  verbreiten.  Ihr  fällt  demgemäß  ein  bedeutender,  fruchtbarer  Einfluß
bei  Lösung  der  socialen  Frage  zu.  Diesen  Einfluß  haben  Wir  geltend  gemacht  und  machen
Wir  noch  geltend,  besonders  zum  Vortheil  der  arbeitenden  Klassen.  Ebenso  werden  niit
Unterstützung  ihrer  Geistlichkeit  die  Bischöfe  in  ihren  einzelnen  Diöcesen  verfahren,  und
Wir  hoffen,  daß  diese  segensreiche  Wirksamkeit  der  Kirche,  weit  entfernt,  durch  die  bürgerlichen ­
  Behörden  behindert  zu  werden,  in  Zukunft  Hülfe  und  Unterstützung  bei  denselben
finden  wird.  Dafür  bürgt  uns  sowohl  das  Interesse,  welches  die  Regierungen  an  dieser
bedeutungsvollen  Frage  bezeigen,  als  der  wohlwollende  Appell,  welchen  Ew.  Majestät  an
Uns  gerichtet  hat.
„Unterdessen  hegen  wir  die  innigsten  Wünsche,  daß  die  Arbeiten  der  Cvnferenz  reich
an  wohlthätigen  Ergebnissen  sein  und  vollständig  der  allgemeinen  Erwartung  entsprechen
mögen.  Vor  Schluß  dieses  Schreibens  möchten  Wir  Unserer  Genugthuung  darüber  Ausdruck ­
  verleihen,  daß  Ew.  Majestät  Msgr.  Kopp,  Fürstbischof  von  Breslau,  als  Ihren
Delegirten  zur  Theilnahme  an  der  Conferenz  berufen  hat;  derselbe  wird  sich  gewiß  durch
das  Zeichen  hohen  Vertrauens,  welches  Ew.  Majestät  ihm  bei  dieser  Gelegenheit  gegeben
haben,  sehr  geehrt  fühlen.
„Mit  der  lebhaftesten  Genugthuung  bringen  Wir  schließlich  die  herzlichen  Wünsche
zum  Ausdruck,  welche  wir  für  das  Wohl  Ew.  Majestät  und  der  kaiserlichen  Familie  hegen.
Im  Vatican,  14.  März  1890.  Papst  Leo  XIII."
            
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